Interview: Aksel Lund Svindal

Interview: Aksel Lund Svindal

Von Andreas Haslauer am 22.Dez. 2021

Er ist der wahrscheinlich intelligenteste Sportler der Welt: Aksel Lund Svinal. Der norwegische Skirennfahrer ist an einem Dutzend Start-ups beteiligt, ist Partner einer Beteiligungsgesellschaft und besitzt Hotels. Im Interview blickt der Sponsoren-Liebling zurück auf seine Ski-Karriere, erklärt warum er immer an „einem Stück“ im Ziel ankommen will, ihn sein eigener Ski fast umbrachte und es in Kitzbühel ums „blanke Überleben“ geht. Ein Gespräch mit einem wirklichen Ausnahme-Sportler dessen neuer Kinofilm „AKSEL“ seit 2. Dezember in den Kinos läuft.

Herr Svindal, weil Ihr Körper nach 17 Profijahren und 17 Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften streikte, kehrten Sie dem Skirennsport 2019 den Rücken zu. Bei der Verkündung sagten Sie, dass Sie „happy seien, dass es nun vorbei ist". Nun stehen Sie mit ihrem neuen Kinofilm „AKSEL“ wieder im Rampenlicht. In dem Film gibt es die eine Szene, als Sie in Kitzbühel mit mehr als 100 Sachen rückwärts auf die Eispiste krachten. Was war da los?
Die Kompression, die in einer Kurve liegt, sah ich vor lauter schlechter Sicht einfach nicht. Ich bekam einen Schlag auf den rechten Ski, wurde durch den Druck wie ein Auto auf dem Schrottplatz zusammen gequetscht, dann wie eine Kugel aus einer Kanone geschossen. Und dann lief alles ab wie in einem schlechten Film.

Wie meinen Sie das?
Alles lief plötzlich wie in Zeitlupe ab. Ich wusste ja schon was kommt: Wolken, Himmel, Ski. Hier war es nur anders. In dem Moment, als ich mit durch die Luft flog, sah ich auf der linken Seite der Piste wie die Ärzte und Rettungssanitäter schon nach rechts zum Sicherheitszaun rannten. Das war der Punkt, als ich dachte: „Mist, die rennen wegen mir!“ Und dann schlug ich ein. Sekunden später standen sieben Ärzte um mich herum. Eigentlich drängten sie darauf, dass ich mit dem Helikopter abtransportiert werden sollte. Das wollte ich nicht. Mein Vater stand unten im Ziel, meine Kollegen oben am Start – ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Sie fuhren mich mit dem Akia ab. Mein Fehler.

„Wir fuhren durch die Menschenmenge. Ich hielt immer noch die abgebrochenen Stöcke in den Händen. Meine Brille hing nur noch auf einer Seite am Kopf. Die Leute jubelten und wollten Selfies machen“, schreiben Sie in Ihrem Buch.
Das war der völlige Wahnsinn. Sie fuhren mich zu einer provisorischen Notaufnahme. Die war eigentlich nicht für die Rennfahrer gedacht, sondern für das betrunkene Party-Volk. Ich, der gerade der Streif abgeworfen wurde, lag neben Leuten, die wegen ihrer Alkoholvergiftung am Tropf hingen. Irgendwann brachten sie mich dann ins Krankenhaus. Dort war die Lage nicht viel besser. Hannes und Georg waren noch vor mir dran. Vor lauter schwerer Stürze auf der Streif stand ich im Spital im Stau. Kurz danach haben sie das Rennen abgebrochen. Kaputte Skifahrer lassen sich eben schlecht vermarkten.

Ein Jahr später standen Sie wieder am Start. Das Frühstück vor dem Rennen wollte nicht lange in Ihrem Körper bleiben, so nervös waren Sie.
Zum Glück muss ich da nicht mehr runterfahren – zumindest nicht im Rennanzug (grinst)
Fiel es Ihnen immer leicht dort runterzufahren?
Nein, weil es bei Abfahrten wie in Kitzbühel oder Bormio schlicht ums blanke Überleben geht. Das Problem bei den Rennen ist, dass man sich für eine Sache motivieren muss, vor der man eigentlich Angst hat. Deshalb ist unser oberstes Ziel: in einem Stück unten im Ziel ankommen.

Sie hatten Angst?
Als Teenager bin ich einmal an Kitzbühel vorbeigefahren. Da dachte ich: „Hoffentlich muss ich da nie runterfahren.“ Im Herbst 2002 teilten mir meine Trainer freudig mit, dass sie mich für die Streif nominieren würden. Es verging kein Tag, an dem ich vor dem ersten Höllenritt auf der brutalsten Abfahrt der Welt nicht Angst hatte. Wenn man dieses fürchterliche Biest aber mal gemeistert hat, dann fühlt man sich wie ein Gladiator.

Geht das allen so?
Didier Cuche hat die Streif schon fünfmal bezwungen. Dann kam er eines Tages zu dem Entschluss, dass er sich das Rennen nicht mehr zutraut.

Warum?
Wir wissen: der einzige Schwachpunkt, den es auf der Abfahrt gibt, ist unser Körper. Die Eispiste wird niemals nachgeben – unser Körper hingegen schon. Beste Beispiele sind Kjetil Jansrund und Max Franz. Die beiden erlitten in Kitzbühel schwere Verletzungen ohne, dass sie dabei stürzten.

Wie geht das?
Gleich nach der Mausefalle gab es eine Kompression am Anfang eines Linksschwungs, der extrem holprig und unfassbar vereist ist. Kjetil brach sich die Hand, Max zerschmetterte sich im Skischuh seine Ferse. Die Schläge, die wir dort einstecken, sind mit fast nichts zu vergleichen.

Können Sie es trotzdem versuchen?
Das ist in etwa so, als würden Sie im Auto mit 100 Sachen frontal gegen eine Bordsteinkante fahren. Der Reifen, die Felgen, alles ist dann einfach kaputt.

Zur Not könnten Sie ja die Skier immer quer stellen, bremsen.
Geht nicht. Ich würde den ganzen Hang einfach gnadenlos abrutschen, so steil und eisig sind die Pisten. Das Einzige, was ich tun kann, ist weiterfahren. Letztendlich ist der Speed entscheidend: egal wie schnell ich bin, ich will noch schneller werden. Allerdings ist mein Kopf während des Rennens nie im Hier und Jetzt.

Sie denken bei Tempo 150, ob Sie noch Milch und Butter kaufen sollen?
Ich muss mich bei der hohen Geschwindigkeit im Kopf in der Zukunft befinden. Bei den Abfahrten in Kitzbühel oder Wengen ist der Speed so hoch, dass ich im Kopf weiter sein muss. Wir haben es mal ausgerechnet, rund eine Sekunde oder umgerechnet vierzig Meter weiter vorne. Würde ich nur reagieren, würde ich sofort im Fangzaun landen.

Also Höchstkonzentration pur.
Mich haben sie vor Jahren mal komplett vor den Olympischen Spielen in Vancouver vermessen. Ich war von oben bis unten verkabelt. Eine Kamera war auch in meiner Skibrille eingebaut. Das Ergebnis war verblüffend. Normalerweise blinzelt ein Mensch alle vier bis sechs Sekunden mit seinen Augenliedern. Während der 90 Sekunden Abfahrt blinzelte ich hingegen nur einmal, so konzentriert war ich bei der Sache. Ich selbst wusste das gar nicht. Auch nicht, dass ich nach dem Durchfahren der Ziellinie plötzlich wie wild blinzelte. Fast so, als wollte ich die vergangenen 90 Sekunden alles aufholen.

Normale Menschen würden sagen, dass sie Angst hätten.
Unterschwellig spielt sie natürlich mit. Mein ganzes Nervensystem ist in akuter Alarmbereitschaft, pumpt Adrenalin und Endorphine wie wild durch meinen Körper. Das muss ähnlich wie bei einem Autounfall sein – nur eben zwei Minuten am Stück.

Ähnlich schlimm wie bei einem Autounfall bei hoher Geschwindigkeit verletzten Sie sich 2006 bei der Abfahrt in Beaver Creek. Was ist passiert?
Geschwindigkeit ist eines, Kontrolle das andere. Letzteres hatte ich am 27. November 2007 beim „Golden Eagle“-Sprung nicht, weil ich schlicht und einfach zu schnell war. Schon beim Absprung geriet ich in Schieflage, Millisekunden später sah ich kein Sicherheitsnetz mehr, keine Piste, keine Tore. Nur noch Himmel, Wolken und meine Skier.

Konnten Sie in der Luft gar nichts mehr korrigieren?
Aussichtslos. Das Einzige, was ich noch versuchte, war mich in der Luft zu drehen und zusammenzurollen damit ich nicht mit dem Genick aufprallte.

Sie krachten mit mehr als 100 Stundenkilometern auf die Eispiste.
Das habe ich später auf Youtube gesehen. Als ich aufschlug, verlor ich das Bewusstsein.

Waren Sie lange bewusstlos?
Als ich ein paar Sekunden später kurz aufwachte, sah ich nur die Skihandschuhe voller Blut. Erst dachte ich noch, dass der Crash vielleicht doch nicht so schlimm gewesen sei, ich spürte keine Schmerzen, nichts. Im Nachhinein war es nur das Adrenalin, das durch meinen Körper pumpte. Im Krankenwagen wurde dann alles schwarz. Erst im „Vail Valley Medical Center“ wurde ich wieder wach. „Es kann sein, dass Du wieder aufwachst und einsehen musst, dass du nicht mehr Skifahren kannst“, sagte der Arzt zu mir. Was er und ich noch nicht wussten, war, dass ich mir die messerscharfen Kanten meiner Rennskier in den Hintern gerammt hatte.

In Ihrem Buch schreiben Sie „dass ich an jenem Dienstag hätte sterben können“.
Mein eigener Ski hatte mich aufgeschlitzt, fast umgebracht. Er hat sich durch mein Gesäß in den Körper gebohrt. Sie müssen wissen: die Kanten der Abfahrtsski sind so scharf wie ein Skalpell. Die Ärzte vermuteten, dass mein eigener Ski mir meine Organe und meine Bauchhöhle zerschnitten hatte, weil ich so viel Blut verlor. Um das festzustellen, schnitten sie mich vorne am Bauch auf, holten meine Organe heraus, packten wieder alles dort hinein und nähten mich zu. Es war wie ein Wunder: Alle Organe waren heil.

Ist der Sport so wichtig, dass Sie ihr Leben riskieren?
Es ist ja nicht so, dass wir uns von heute auf morgen mit 150 Sachen die Eispisten herunterstürzen. Das ist ein Prozess über Jahre hinweg. Wenn ich allerdings im Weltcup ganz oben auf dem Podest stehen will, muss ich eben voll am Limit fahren. Wenn wir Rennfahrer ehrlich sind, gieren wir wie wilde Hunde nach Knochen.

„Als ich 2007 in Beaver Creek verunglückte, war ich ein anderer Mensch als der, der ein Jahr später auf der gleichen Strecke an den Start ging“, schreiben Sie in Ihrer Biografie „Größer als ich“.
Das war ich schon in der ersten Woche als ich 18 Kilo verlor. Das war die Hölle. Über die Vene wurde ich tagelang intravenös ernährt. Meine Muskeln schrumpften, so schnell konnte ich gar nicht schauen. Schreckliche Ereignisse wie dieses – oder der Tod meiner Mutter 1991 – prägen einen Menschen, machen ihn demütig. Das Entscheidende dabei ist, dass man Rückschlüsse für sich zieht, daraus lernt.

Ihre Fans schickten Ihnen Genesungswünsche, Stofftiere, Blumen…
…und gefühlt Tonnen an Schokolade, weil sie in den Zeitungen lasen, dass ich so viel abgenommen hatte. Das war supernett gemeint. Das, was aber bis auf meine engsten Freunde und Verwandten keiner wusste, war, dass ich einen künstlichen Darmausgang gelegt bekam. An Essen war gar nicht zu denken, solche Schmerzen hatte ich. Die Ärzte verabreichten mir in den Phasen, in denen ich vor Bauchschmerzen schrie, Morphium.

Ein Jahr später standen Sie wieder am Start in Beaver Creek. Erst gewannen Sie die Abfahrt, einen Tag später den Super-G. Sind Sie eigentlich noch normal?
(lacht). Natürlich hatte ich die Hosen voll. In der Reha-Phase habe ich jedoch wochenlang meinen Fahrfehler analysiert, wusste, was ich falsch gemacht hatte. Mein Plan war es deshalb vor dem gefürchteten Sprung ein bisschen Gas rauszunehmen. Natürlich würde mich das Zeit kosten, deswegen würde ich eben davor und danach noch mehr Vollgas geben. Der Plan war nicht der schlechteste. Ich konnte beide Rennen gewinnen.

Was werden sie vom Skirennsport noch vermissen?
Skifahren ist das geilste auf der Welt. Deswegen stehe ich ja heute noch so oft es geht auf den Brettern. Wenn immer es geht, fahre ich zusammen mit meinem Vater oder Freunden. Dass, was ich hingegen sicherlich nicht vermisse werde, ist das ständige Schwitzen.

Wie bitte?
2003 bei der WM ging es los. Wir saßen als Team beim Abendessen in St. Moritz. In dem Restaurant war es wirklich alles andere als warm. Ich schwitzte hingegen wie ein Büffel, riesige Schweißflecken zeichneten sich unter meinem Pulli ab. Ich hatte ehrgeizige Ziele an mich, hohe Erwartungen. Das bedeutet: bei den großen Rennen musste ich beweisen, dass ich es kann! Das fiel mir auf, weil ich immer nur zwischen Oktober, dem Saisonstart in Sölden, und April, dem Saisonabschluss auf der Lenzerheide, schwitzte wie ein Verrückter.

Bei der WM 2019 im schwedischen Åre belegten Sie bei der Abfahrt den zweiten Platz, in Kitzbühel konnten Sie nie gewinnen. Trotzdem eine vollendete Karriere?
Schauen Sie mich an. Wirke ich wie ein unglücklicher Mensch? Kitzbühel hätte ich gerne mal gewonnen, das stimmt. Was den zweiten Platz angeht ist das genau richtig. Mein Freund Kjetil hatte eine schwierige Saison, bei ihm klappte nicht viel. Am Ende lag er zwei Hundertstel vor mir. Umgerechnet sind das 54 Zentimeter bei 2.922 Meter Abfahrt. Was aber noch viel wichtiger war, war die Tatsache, dass im ganzen Zielraum norwegische Flaggen mit „Danke, Aksel!“ wehten – das war viel wichtiger als mein Sieg. Und was gibt es Schöneres als in Åre aufzuhören? Dort bin ich mit meinen großen Vorbildern Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus gefahren, hier stand ich zusammen bei meinem letzten Rennen mit einem anderen Wikinger auf dem Podest. Meine Karriere war ein einziger Traum. Und heute mache ich das, was ich immer schon machen wollte. Ich bin einfach dankbar.

Nun machen Sie die Karriere nach der Karriere. Sie werben für die Skifirma Head, den Elektronik-Giganten Samsung, Porsche…
…was alles sehr langfristige Kooperationen sind. Nur mein Gesicht irgendwo in eine Kamera zu halten und zu sagen „hey, kauft bitte jenes Produkt!“ mache ich nicht. Sie können meinen Vater fragen: schon als Knirps war ich großer Porsche-Fan. Heute dank der umweltfreundlichen E-Autos noch mehr. Das bin ich der Umwelt schuldig.

Wie meinen Sie das?
Na ja, wenn man ganz ehrlich ist, ist die CO2-Bilanz von uns Skirennfahrern alles andere als klimafreundlich. Wir fliegen von Kontinent zu Kontinent. Am Anfang einer Saison geht es in Lake Louise in Kanada los, danach folgen die Rennen im italienischen Gröden und im österreichischen Kitzbühel, bevor es nach Norwegen und Italien geht. Sauber ist anders.

Deshalb haben Sie die nachhaltige Modemarke „Greater than A“ gegründet.
Unser Ziel war es, die Modelwelt nachhaltig und grundlegend zu verändern. Wenn ein Shirt bei Primark 1,99 Euro kostet, dann kann etwas nicht stimmen. Wir wollten fair sein. Gegenüber unseren Kunden, Händlern, Produzenten. Ich bin der festen Meinung, dass man in der Arbeitswelt nur dann erfolgreich ist, wenn man eine Win-Win-Situation für alle erzeugt. Das haben wir gemacht, so dass alle fair und gerecht bezahlt werden. Das war angesichts der globalen Herausforderungen wie Klimakrise, Wasserverschmutzung oder prekäre Arbeitsbedingungen nicht leicht. Wir wollten nicht länger Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein.

Wieso sprechen Sie in der Vergangenheit?
Ich bin kein Fashionista. Wenn ich in Lyngen oder den Lofoten in Norwegen durch den Tiefschnee fahre – das bin ich. Deshalb habe ich meine Anteile an der Modemarke „Greater than A“ verkauft. Stattdessen habe ich zusammen mit „Sweet Protection“ eine Skikollektion entworfen. Davon habe ich wenigstens eine Grundahnung (grinst).

Damit sind Sie auf den Spuren von Willy Bogner, Lasse Kjus oder Jean-Claude Killy. Alles ehemalige Rennfahrer, die ein Modelabel gründeten.
Wir wissen einfach was man bei Skibekleidungsherstellern noch besser machen kann.

Das müssen Sie erklären?
Für die Olympischen Spiele in Südkorea vergaß beispielsweise unser Ausstatter uns Skihosen mit Reißverschlüssen an den Seiten mitzugeben. Wir haben die Hosen also gar nicht über unsere klobigen Skistiefel bekommen. Und bei minus 20 Grad können wir schlecht die ganze Zeit die Skistiefel an- und ausziehen. Wir schnitten unsere Jogginghosen ab, fuhren mit langer Unterwäsche. Es war so unfassbar kalt.

Wieso können Sie die Skischuhe nicht ausziehen?
Wenn wir unsere knallengen Schuhe ausziehen würden, würden sie sich bei der Kälte sofort zusammenziehen und wir dadurch unmöglich wieder reinkommen. Wir Rennfahrer haben ja speziell angefertigte Skischuhe. Die sind so eng, als würde jemand ihre Füße in einen Schraubstock spannen und zudrehen. Ich glaube, wenn Sie meine Skischuhe anziehen würden und ich die Schnallen zumache – Sie würden erst vor Schmerzen schreien, dann würde es Ihnen schwindlig werden.

Was machen Sie jetzt bei Sweet Protection anders?
Wir setzen dort, wo es geht, ökologische Materialien ein. Darüber hinaus habe ich an der Funktion und Qualität gefeilt. Unser Design ist skandinavisches Understatement.

Das passt zu Ihrem neuen Hotel „Fyri Resort“ im norwegischen Hemsdal. Wie kommt ein Skifahrer darauf ins Hotelgewerbe einzusteigen?
Das ist ein Investment wie viele andere auch. Insgesamt bin ich jetzt bei einem Dutzend Start-ups und Unternehmen beteiligt. Aber nicht erst seit heute, sondern seit 2013.

Man hat Sie nie mit dem Laptop auf der Piste gesehen.
Dafür mit Telefon. Ich kann mich noch gut an die Abfahrt in Beaver Creek erinnern, das müsste 2016 gewesen sein. Wir von NorseLab, das ist eine Beteiligungsgesellschaft für Unternehmen und Start-ups, bei der ich Partner bin, hatten plötzlich ein verdammt großes Problem mit einem Geschäftsführer einer unserer Firmen. Der Mann hatte Mist gebaut, er musste gehen. Wir hatten leider keine andere Wahl. Der Zeitpunkt war vielleicht etwas ungeschickt. Ein Kollege war in Oslo, einer im Silicon Valley und ich telefonierend im Starthaus in Beaver Creek. Wir konnten nicht länger warten…

…Moment Mal! Sie sägen einen Manager an dem Ort ab, wo sie einst den Horror-Sturz ihres Lebens hinlegten.
Wir mussten handeln. Anscheinend war es positiver Stress. Ich gewann das Rennen.

Haben Sie sich alles autodidaktisch angeeignet?
Nach dem Brutalo-Crash 2007 sowie den beiden schweren Knieverletzungen hatte ich immer wieder genügend Zeit mich monatelang weiterzubilden. Weil ich mit meinen Reha-Zeiten nicht an einen Ort gebunden war, verlegte ich mein Aufbautraining ins Silicon Valley. Dort besuchte ich Firmen wie Google, las Dutzende Bücher über die Volkswirtschaft und Betriebswirtschaftslehre. Und nun in Corona-Zeiten habe ich an vielen Online-Kursen wie von der Standford University teilgenommen. Man lernt nie aus.

Hatten Sie fast kein Fehlinvestment?
Sie glauben gar nicht wie viel Geld ich versenkt habe. Einige Investments waren finanziell absoluter Horror. Ich habe aber eine Art gefunden mir die Misserfolge schönzureden.

Jetzt bin ich gespannt.
Ich hatte großes Glück durch meinen Sport und mein Leben als Athlet Geld zu verdienen und so meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Allerdings konnte ich nie eine Universität besuchen. Daher konnte ich das Geld, das ich ansonsten für Studiengebühren ausgegeben hätte, sparen.

Wie kommt es, dass sie so ein Unternehmer-Typ sind?
Meinen Großeltern gehörte die Bäckerei „Svindals bakeri“. Sie wiederum hatten den Laden von meinem Urgroßvater geerbt. Und der war in der ganzen Gegend als gewiefter Unternehmertyp bekannt. Ebenso habe ich ganz viel von meinem Vater gelernt. In den letzten Jahren meiner Skikarriere hatte ich nie einen Manager. Ich glaube mein Vater und ich haben das ganz gut hinbekommen. Und wenn es ums Risikomanagement geht, frage ich meinen Bruder Simen. Er ist der „Head of Risk & Compliance“ bei NorseLab, unserer Beteiligungsgesellschaft. Bevor ich in was investiere, überlege ich mir: was ist das „Return on Investment“, wo lauern die Gefahren?

Aksel Lund Svindal, geboren 1982 in Lørenskog, Norwegen, gehört zu den erfolgreichsten Skirennfahrern der Gegenwart. Er gewann im Alpinen Skiweltcup in vier von fünf Disziplinen 36 Rennen, dazu 2006/07 und 2008/09 den Gesamtweltcup. Insgesamt konnte er neun Weltcup-Disziplinenwertungen für sich entscheiden, wurde zwei Mal Olympiasieger und fünf Mal Weltmeister.

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