Powderized §2.1: Rotondo Hut Trip

Powderized §2.1: Rotondo Hut Trip

Von Flurina Bieger am 18.Feb. 2021

Wie die meisten guten Ideen entstand auch die Idee zu diesem Trip am Abend während eines Biers. Wir wollten steile Couloirs mit hoffentlich gutem Schnee finden. Nach genügend Hopfensirup, Stunden auf Fatmap, einem Screenshot des Stotzig Muttenhorns im Rotondogebiet und mit Insiderinfos von Tof, der Big Mountain Legende aus Chamonix, der am Tag in der Region um Realp auf Scouting-Mission fühlten wir uns bereit. Mit dieser bewährten und gut ausgerüsteten Gruppe fuhren wir am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Realp und stiegen zur Rotondohütte auf. Um für alle möglichen Vorhaben unseres ambitionierten Franzosen gerüstet zu sein, befanden sich in unserem Rucksack neben drei Pack Spaghetti auch Klettergurt, Pickel, Steigeisen etc. Schaut man sich seine Instagram Videos an, musste man mit einem Abseilmanöver, einem «Petit Rappel» rechnen.

Die 1000 Höhenmeter hoch zur Hütte führen über ein angenehm flach ansteigendes Tal entlang der Witenwasserenreuss. Nach 2,5h erreichten wir den Winterraum und feuerten den alten Holzofen ein, um die erste Portion Spaghetti zu Mittag zu kochen. Das schwere Gepäck spürten wir alle in den Beinen und freuten uns auf die Extrakalorien. Sogar Finn, der momentan in Topform ist, war froh, kurz abzusitzen. Ungewöhnlich für das Energiebündel aus Deutschland, bis er zu unserem Erstaunen fünf große schwere Bier aus dem Rucksack zauberte. Weniger Kleider, mehr Bier – diese Prioritätensetzung feierten wir. Bald zeigte sich jedoch, dass auch an Snacks und Essen gespart wurde, weshalb wir zu Mittag gesalzene Spaghetti ohne Sauce aßen. Dann sicherten wir uns im noch kalten Winterraum die oberen Betten (Hitze steigt ja bekanntlich) nahe beim Ofen.

Bei starkem Wind und eisigen Temperaturen brachen wir am späteren Nachmittag zu einer ersten Erkundungstour auf. Wir wollten einen Blick auf die zuvor auf Fatmap ins Auge gefassten Lines werfen. Nach ein bisschen mehr als 300hm erreichten wir den Leckipass, von dem aus sich der Blick auf das Stotzig Muttenhorn (3061M.ü.M.) eröffnete. Andri jauchzte, als er als Erster auf dem Pass ankam. Dies ließ uns weiter hinten Laufende erahnen, dass die Bedingungen im geplanten Face vielversprechend aussahen. Die Vorfreude auf das morgige Abenteuer stieg ins Unermessliche. Nach einigen Fotos der Line, gefrorenen Fingern und Besprechung der Lawinensituation machten wir uns auf den Rückweg zur Hütte.

Im warmen Winterraum wuchs der Kuhnagel und der abgefrorene Hintern taute in der temperierten Indoor-Toilette wieder auf. Wärme und fließend Wasser – was für ein Luxus! Wir teilten ihn mit nur wenigen andere Tourengehern, mit denen wir schließlich einen großen Topf Pasta auf dem schwer einzuheizenden Ofen kochten. Nach dem reichlichen Essen wurde es unanständig: Wir brachten Tof «Arschlöcheln» bei. Die Karten waren schnell gelegt, gespielt wurde unter den Jungs um die zweite Hälfte meines Biers. 21 Uhr: Nachtruhe, unterbrochen durch eine Bettrochade als Flucht vor Schnarchern.

6 Uhr 30: Draußen windet es in der Dunkelheit, drinnen dampft der Porridge. Ein motiviertes «We go or we what?!» mit französischem Akzent trieb uns in die Kälte, wo uns ein wunderschöner Sonnenaufgang überraschte. In 45 Min erreichten wir wieder den Leckipass, wo wir uns von Remo verabschiedeten. Er wollte uns vom Talboden aus mit der Drohne filmen. Die Lawinensituation schien günstig genug und wir stiegen mit einer sicheren Spurwahl über die geplante Route auf. Oben angekommen stellten wir enttäuscht fest, dass der Wind uns einen Strich durch die gestrige Rechnung gemacht hat. Zu viel Triebschnee lag im Couloir. Statt der gescouteten Abfahrtsroute im östlichst beginnenden Nordcouloir, entschieden wir uns nun für das Couloir direkt vom Gipfel weiter westlich. Dieses hat mir Tof vor einigen Tagen als Screenshot von Fatmap gezeigt. Heute sahen die Bedingungen hier vielversprechend und sicherer aus. Zumindest während dem «Petit Rappel». In wenigen Minuten hatten die Jungs einen Felsen gefunden, dessen scharfe Kanten sie mit einem Stein abflachten, um mit einer Schlinge einen Ankerpunkt einzurichten. Mit den Ski schon an den Füssen gelang das Abseilen problemlos. Nur das Seil war 20m zu kurz, was uns dazu zwang, seitwärts über Eis und Fels zu steigen mit dem Pickel in der Hand.

Und dann kam das Sahnehäubchen. Tof ließ als erster den Schnee stieben und stach mit viel Speed und kraftvollen Turns ins 45-55 Grad steile Couloir. Jetzt war die Reihe an mir. Nach den ersten Schwüngen ergriff mich plötzlich aus dem Hinterhalt mein Sluff und erinnerte mich daran, meine Line vorsichtig zu wählen und notfalls dem Sluff den Vortritt zu lassen. Andri und Finn folgten als zweites Team und als wir dann alle beim halb tiefgefrorenen Remo angekommen waren, waren wir uns einig: Beine brennen, Sicht und Schnee waren herausfordernd, aber was für ein Erlebnis!

Nach einem Stück Schokolade suchten wir unseren Weg entlang der Muttenreuss zurück ins Tal. Und dann geschah es: Schon nach wenigen Hundert Metern hörten wir Andri plötzlich hinter einem Hügel weiter oben fluchen. Finn, der am nächsten stand, eilte ihm zu Hilfe, während wir weiter unten warteten. Die beiden Skicracks kamen nach einer längeren Pause wieder zum Vorschein und kurvten plötzlich wie Anfänger den Hang zu uns herunter. Was für ein Bild - Tof und ich konnten uns kaum halten vor Lachen. Mehrere Purzelbäume später waren sie genug nah und wir staunten über das Malheur: Andri hatte seine beiden Skis in einer steinigen Kompression zerbrochen, worauf Finn ihm einen Ski auslieh, sodass beide auf einem Ski runterfahren konnten. Wir übernahmen ihre Rucksäcke und setzten die abenteuerliche Abfahrt entlang des Flusses fort.

Und dann kam die nächste Herausforderung, wir mussten mehrmals die Flussseite wechseln. Noch lag zu wenig Schnee, um trockenen Fußes auf die andere Seite zu gelangen. Das Gepäck konnten wir zwar über den Fluss werfen, aber unsere Skischuhe sind schließlich voll Wasser gelaufen. Klatschnass erreichten wir wieder die Strasse, auf der wir zur Hütte aufgestiegen waren. Die letzten Abfahrtskilometer trug Andri (mit zwei Skis) Finn (ohne Skis) auf dem Rücken, sodass wir schneller zum Ziel kamen. An den ungläubigen Blicken anderer Tourengeher konnten wir erahnen, wie komisch das ausgesehen haben musste. Müde, nass, aber total glücklich und mit unvergesslichen Erinnerungen erreichten wir den Bahnhof Realp.

Fahrer: Tof Henry, Andri Bieger, Flurina Bieger, Finn Schauer
Fotos: Remo Thommen

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