Ungeduld ist eine Tugend
© Julia Dobler

Ungeduld ist eine Tugend

Von Julia Dobler am 26.Nov. 2025

Jaja: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Übersetzt auf meinen Fall: „Der nächste Dump kommt nicht schneller, nur weil man bereit dafür ist.“ Im Augenblick ist diese wunderbare Weisheit für mich nur hohles Blabla von Menschen, die keine breiten Ski im Keller haben. Denn ich bin bereit für den nächsten, großen, größten, sensationellen Dump! Und ich bin sowas von ready für alle 92 Snow Card Skigebiete und hoffe, dass die allesamt den meisten Schneefall seit Menschengedenken bekommen! Ich bin – ja – ungeduldig.

Diese Ungeduld macht sich zuallererst im Alltag bemerkbar: Lawinen.report mit zugehörigen Wetterkarten und diverse Apps liegen mittlerweile am Startbildschirm. Alle Ski stehen fix-fertig präpariert in Reihe und scharren mit den Hufen. Die Rucksäcke sind mit Schaufel, Sonde und Erste-Hilfe-Paket ausgestattet, das LVS upgedated und mit neuen Batterien befüllt, die Felle gereinigt. Und jetzt sinds nicht „Männer die auf Ziegen starren“, sondern ich, die versucht, die Wolken durch Anstarren zum Ausflocken zu bringen.

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Da der Dump aber halt erst kommt, wenn er kommt, muss ich mir zwischenzeitlich andere Ungeduldsbewältigungsstrategien zurechtlegen. Während ich „Schneetanz“ google, denke ich über ein Opfer an Ullr nach (Wäre der alte White Star eine ausreichende Gabe?). Ich könnte aber auch die Zeit zur Auffrischung meiner Schnee-, Berg- und Lawinenkenntnisse nutzen. Hört sich irgendwie sinnvoller an.

Neben Camp-Anbietern wie SAAC, risk’n’fun oder Snowhow gibt es unzählige Möglichkeiten, bei lokalen LVS- und Sicherheitstrainings teilzunehmen. Ist das praktische Training mal gebucht finden sich online viele Tools, mit denen man sein Knowhow schon vorab auf Vordermann bringen kann.

Ganz neu am Start ist da die Academy des SAAC. Auf der Website findet man jetzt auch sämtliche Inhalte der Vorträge in übersichtlich aufbereiteter Form und thematisch geordnet nach „Natur“, „Snow“, „Bike“ und „Climb“ als Online-Lernplattform. Von der Notfallausrüstung bis zur Tourenplanung ist jedem Thema eine Lektion gewidmet, die man am Ende mit einem kurzen Quiz abschließen kann.

Doch trotz aller noch so sinnvoller Dinge, mit denen ich die Wartezeit totschlage, bleibt die Ungeduld – auch am Berg. „Da drüben könnten wir doch rausfahren, da siehts gut aus! Oder doch da auf der anderen Seite? Oder wir fahren da rüber?“ Endergebnis ist stets dasselbe: Wir fahren zuerst da raus, und beim nächsten Run dann dort drüben. Und auch wenn es aktuell noch nicht die unvergesslichen Powderruns sind, sondern eher die kleinen Fleckerl zwischen den Pisten bzw. das zerfahrene Gelände neben blau-roten Kursen, lindern diese (R)ausflüge meine Unruhe ein bisschen.

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Beispielsweise erwischen wir am Stubaier Gletscher einen Traumtag: Die Quali für den Freeski Worldcup läuft, und irgendwie hat sich kaum jemand sonst hierher verirrt. Wolken und Sonne liefern ein phantastisches Schauspiel am Himmel, die Rider und Riderinnen ein Spektakel im Stubai Zoo, und wir lassen die Kanten glühen und setzen ein paar Schwünge in den glitzernden Schnee hinter die Pistenmarkierungen. Der Freude am Skifahren hat der letzte Schneefall sichtlich gutgetan, die rein eisigen und somit komplett abgerutschten Stellen werden deutlich weniger. Dass wir an einem Wochentag im Gebiet waren, war skifahrerisch sicher auch nicht die schlechtere Wahl.

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Ein paar Tage später gönnt uns Sölden einen Hammer Skitag, auch wenn wir uns bei -17° und Böen bis 75 km/h nicht nur einmal für die Daunenjacke bedanken. Am Gletscher hat der Naturschnee die Pisten in Warmup-Runs verwandelt, die man einfach runterheizen muss. Bergauf schauen wir uns an, wo wir noch die oben erwähnten unberührten Fleckerl finden könnten. Die sind aber durchaus bissig, man merke: Von echtem, weichem Pulver durch bockharten Maschinenpowderbruchharsch bis zu windverpresstem Beton kann es auch weniger als ein einziger Turn sein! Hier ist die Tendenz klar: Je höher, desto besser der Schnee.

Warum aber bleibt denn dann die Ungeduld immer noch? Klar: Jetzt geht’s erst richtig los! Vergangenes Wochenende haben die ersten Nicht-Gletscherskigebiete ihre Drehkreuze geöffnet, am kommenden Wochenende kommen viele weitere hinzu. Und das eröffnet nach knapp 2 Monaten Gletscher nun endlich die Möglichkeit, dort Ski zu fahren, wo der Dump kommt – von Kitzbühel bis Ischgl, von Hochfügen bis Gurgl laufen die Anlagen wieder. Und während andere jetzt erst den ersten Blick auf ihr Equipment werfen, bin ich sowas von bereit – denn Ungeduld ist manchmal auch eine Tugend!

www.snowcard.tirol.at

alpine-awareness.eu/saac-camps

www.stubaier-gletscher.com

www.soelden.com

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