Obstgarteln
© Julia Dobler

Obstgarteln

Von Julia Dobler am 12.Mär. 2026

Die letzten Wochen hatten es in sich: Einerseits, weil ich krankheitshalber aus dem Bermudadreieck zwischen Bett, Couch und Kühlschrank kaum rauskam. Andererseits, weil ich aufgrund dieser ungewollten Auszeit praktisch live dem Schneefall und der Entwicklung der Lawinenlage folgen konnte. Die spitzte sich bekanntermaßen rasant zu, um sich dann über einen ungewöhnlich langen Zeitraum auf hohem Niveau einzupegeln. Ganz offensichtlich konnte diese gefährliche Situation aber leider nicht allen nähergebracht werden: Trotz öffentlicher Appelle von allen Seiten und zweisprachig ausgegebenem AT-Alarm (das ist in etwa das NINA-Pendant) schwappte eine Lawinenmeldung nach der anderen in meinen Newsfeed.

Um einen Gedanken kam ich dabei nicht herum: Es kann gar nicht zu viel Bewusstseinsbildung betrieben werden, es wissen noch lange nicht genug Menschen genug über alpine Gefahren! Anders kann ich mir einfach nicht erklären, warum bei Lawinenwarnstufe 4 Eltern mit ihren Kindern ins Gelände fahren. Oder Freeridegruppen in Fußballteamstärke powdern gehen. Oder Freunde bei Pistensperrungen wegen Lawinengefahr auf die Idee kommen, stattdessen eine Skitour zu gehen. Die Angebote von SAAC, risk’n’fun, xhow und vieler weiterer Initiativen braucht es offensichtlich immer noch – genauso wie ganz simple Handlungsleitfäden, die jede und jeder supereasy umsetzen kann, wenn er oder sie will: „No beep, no ride!“ zum Beispiel. Hilft mir persönlich immer dann, wenn ich mir denke: „Oh, das Schneefeld da drüben sieht aber schön aus! Obs nicht doch zum Fahren ginge, obwohl ich mein LVS nicht dabei hab?“ – Nein. Geht nicht. Auch nicht, wenns direkt neben der Piste ist – warum, das lässt sich HIER (lawinen.report/blog/at) eindrucksvoll nachlesen.

Ganz Tirol liegt also unter einem 4er. Ganz Tirol? Nein! Im Nordosten des Landes gibt es noch einen Flecken, der im Verhältnis safer ist! Klare Entscheidung, mein Mann meint: „Wir gehen Obstgarteln!“

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„Obstgarteln“ meint eine Abfahrt in der Skiwelt Brixen im Thale, die über Wiesen und eben durch Obstgärten der dortigen Höfe verläuft. Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Run anzulegen und auch bei kniffligen Lawinenverhältnissen zu fahren. Voraussetzung: A Haufen Schnee! Und früh genug dran sein, denn die gesamte Abfahrt liegt Südseitig und kriegt dementsprechend viel Sonne ab.

Also raus aus den Federn und ab ins Brixental! Wir landen ohne große Verzögerungen an der Gondel, an der es rechts nach Westendorf geht, links ins Brixener Skigebiet. Es lässt sich übrigens wunderbar mit der ÖBB anreisen – von Wörgl braucht die Bahn, die übrigens 3x pro Stunde (!!!) fährt, zwischen 20 und 45 Minuten. Wir überqueren die Straße auf dem Fußgängerübergang und stellen uns an der Gondel nach Brixen an. Der Versuch, in der „Einzelfahrerspur“ einzusteigen, scheitert an den vergeblichen Einstiegsversuchen unserer Vorangehenden, also doch ganz links rum und als erste in die Kabine rein. Die Fahrt nach oben gibt uns die Möglichkeit, aus der Luft die Abfahrtsvariante zu scouten: Entscheidende Punkte sind das Umgehen von Gräben und Tobeln aller Art, aperer Stellen (keine gefunden) und Stacheldrahtzäunen (die hat der gute Ehemann vor 2 Jahren zielgenau gefunden). Und dann ist es eigentlich einfach: Entweder nach dem Ausstieg direkt in den Run einsteigen, oder noch den Tellerlift nehmen und Rider’s left runter, oder überhaupt noch Richtung Hohe Salve und dann die Variante Rider’s right hinunter. Und wieder von vorne. Klar, wie das so ist, muss man immer wieder über die Straße drüber und auch mal über einen Zaun, Spaß macht das aber trotzdem enorm.

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Als gegen Mittag der Schnee richtig schwer wird, entscheiden wir uns für einen Abstecher auf die Nordseite in Richtung Scheffau, und das zahlt sich pulvermäßig voll aus. Ein weiterer Run über die Almen nach Söll hinunter füllt unser Powderkonto weiter auf. Beseelt fahren wir schließlich am späteren Nachmittag nach Hause zur Skifahrerpasta. Und geben uns 2 Tage später, nach einem weiteren 30cm-Dump, dasselbe nochmal.

Und dann kam der Wärmeeinbruch, vorbei wars mit der weißen Pracht. Die Südhänge sind wieder aper, und dort, wo noch Schnee liegt, ist das kein Pulver mehr sondern Sulz. „Puh, genauso tief wie beim letzten Mal, aber irgendwie fährt sichs a bissl anders“, gebe ich auf der Buchensteinwand zu Protokoll. Buchensteinwand? Das sind die Bergbahnen Pillersee. Wenn euch das immer noch nichts sagt: Das ist das Skigebiet mit dem begehbaren, riesigen Gipfelkreuz gegenüber Fieberbrunn.

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Ein kleines, aber sehr feines Skigebiet, das sowohl von St. Ulrich im Pillerseetal bzw. Waidring her erreichbar ist, als auch von Hochfilzen. Die nach Süden ausgerichtete Abfahrt dorthin hinunter ist die oben erwähnte, aktuell frühjahrssulzige. Die nach St. Ulrich ausgerichteten Runs liegen dagegen schattig im Norden. Ganz ohne Urlauber- und FWT-Trubel genießen wir Sonne und Schnee. Wir stellen die Vielseitigkeit unserer Ski auf die Probe und malen uns aus, wie es wohl ohne Wärmeeinbruch wäre – denn Möglichkeiten zum Obstgarteln sähen wir schon...

https://www.snowcard.tirol.at 
https://www.skiwelt.at 
https://www.bergbahn-pillersee.com 
https://www.oebb.at 
https://alpine-awareness.eu/saac-camps 
https://www.alpenverein.at/risk-fun/ 
https://xhow.info 
https://lawinen.report/bulletin/latest 

Screenshot 8

 

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