GLETSCHERLIEBE
Gletscher ziehen Wintermenschen an wie das Licht die Motten. Die weißen Eisriesen faszinieren und beeindrucken, sie vermitteln uns einen Eindruck immerwährenden Winters. Beinahe wirken sie wie Lebewesen: Die stetige Veränderung gehört ebenso zu ihnen wie die an Echsenhaut erinnernden Seracs.
Während man sich in den übrigen vier Tiroler Gletscherskigebieten vom Talboden aus dem ewigen Eis nach und nach nähert, bietet der Pitztaler Gletscher einen optischen Paukenschlag. Einzigartig in Tirol, führt der Gletscherexpress als Standseilbahn durch den Berg auf 2.840 Meter. Man geht ins Freie und da steht sie: Die Wildspitze, der höchste Berg Tirols mit 3.774 Metern Höhe.

Wir steigen als erstes in die Wildspitzbahn auf den Hinteren Brunnenkogel und 3.440 Meter. Gut, aktuell bleibt einem eigentlich keine andere Wahl, wenn man nicht nur das Panorama genießen, sondern auch noch ein bisschen Skifahren will. Denn auch das Pitztaler Gletscherskigebiet befindet sich aufgrund der mangelnden Schneelage noch im Minimalbetrieb. Neben der Wildspitzbahn waren der Schlepplift Brunnenkogel sowie der Gletschersee-Sessellift und die entsprechenden Pisten geöffnet, das schränkte die Variantenwahl dann doch erheblich ein.
Dass das Café 3440 eine beeindruckende Ingenieursleistung war und ist, erschließt sich beim Aussteigen in der Bergstation sofort. Wie ein Adlernest sitzt das Gebäude mit seiner organischen Form in den Felsen. Beeindruckend auch die Preisgestaltung – ein Espresso schlägt mit 5 Euro zu Buche, für eine Kaspressknödelsuppe sind 10,50 Euro zu berappen. Unbezahlbar ist dafür die montane Gästeschar, sollte man sich im höchsten Standesamt Tirols das Ja-Wort geben wollen – auch das ist hier möglich.

Wir entscheiden uns für die kostenlosen Attraktionen und stapfen mit zahlreichen Nicht-Skifahrern in ihren Turnpatscherln die paar Stufen zur Aussichtsplattform hinauf. Man könnte fast rüberspucken, so nah scheint die Wildspitze. Mit Fernglas ausgerüstet und nicht sofort unsere Handys für das obligatorische Selfie zückend fallen wir alleine deshalb schon auf. Während wir den 360° Blick genießen und staunend vom Ötztal bis ins Kaunertal und weit in die Schweizer Berge hinein die Gipfel zu benennen versuchen, wechseln die Sneakertouristen im Schichtbetrieb. Wir aber stehen da wie Gletscher-Fankids und können uns kaum sattsehen. Wir entdecken die ersten Skispuren von der Wildspitze runter, mein Mann erklärt mir seine Wildspitz-Route. Tatsächlich steht nur eine einzige Frau mindestens genauso lange auf der Plattform wie wir – sie malt das Panorama in ihrem Skizzenblock.

Schließlich drehen auch wir ein paar Runden auf Ski, dafür sind wir schließlich auch da. Die Rennteams haben mittlerweile zusammengepackt, da hat unsere Aussichtsbedingte Verzögerung doch ihr Gutes. Die steilen ersten Hänge sind eher Herausforderung als Genuss, aber dann lassen sich sogar mit den breiten Latten schöne Schwünge bis zur Talstation des Gletschersee-Lifts ziehen. Speed is your friend, heißt es, und daran halten wir uns. Bis 14:00 Uhr – so lange läuft im Moment der Skibetrieb – geben wir unseren Kanten Zunder und kundschaften aus, welche Runs nach dem nächsten Schneefall schon möglich wären. Trotzdem fährt die Betroffenheit mit beim Blick auf das unerschlossene Gebiet, das von der „Gletscherehe“ betroffen gewesen wäre. Und klar denke ich über den gesprengten Berggrat nach, und darüber, ob ich mit meinem Skitag solche Auswüchse stillschweigend gutheiße.
Auf unserer Abschlussfahrt entdecke ich dann noch etwas, auf das ich gerne verzichtet hätte: Müll. Direkt neben der Piste einfach liegengelassen. Ich könnte mich unfassbar aufregen über Leute, die einfach ihren Müll in der Natur, auf einem Gletscher, wo auch immer, liegenlassen! Nach einem kurzen Moment fange ich mich, fahre hin, klaub den Dreck auf und steck ihn ein, um ihn im Tal in einem Mistkübel zu entsorgen. Warum ich das tue? Weils auch meine Berge sind.

Im Lauf der letzten Skitage habe ich eingesammelt: Abgebrochene Plastikteile von Skistöcken und Schützern, abgerissenes Absperrband, Verpackungen von Zuckerl und Müsliriegeln, die unvermeidlichen leeren Getränkedosen, und unzählige weggeworfene Taschentücher. Leute, was ist los mit euch??? Ihr werdet doch das Zeug, das ihr auf den Berg gebracht habt, auch wieder mit runternehmen können! Und es könnten doch alle einfach auch den herumliegenden Müll aufklauben und mitnehmen. Man kann das ja mit Handschuhen angreifen bzw. (Achtung, Tipp!) ein (Gassi-)Sackerl im Rucksack mitnehmen. Falls du dich fragst, warum du den Dreck fremder Leute aufklauben solltest: Ganz einfach – weils auch deine Berge sind!
Hinterlasse eine Antwort