Freeride-Paradies Japan
© Jonas Müller

Freeride-Paradies Japan

Von Felicitas Weber und Jonas Müller am 10.Dez. 2025

Wir stehen mitten im Winter auf einem Kraterrand eines aktiven Vulkans – umgeben von feinstem meterhohen Pulverschnee und hören - irgendwo zwischen den Birkenwäldern - vereinzelt Freudenschreie anderer Skibegeisterter. Noch immer können wir kaum glauben, dass wir wirklich hier in Japan sind, am anderen Ende der Welt, an einem Ort, der uns mit seiner Landschaft, Kultur und seinem Powder magisch in seinen Bann zieht.

Ein Traum wird wahr

Der Traum begann vor vielen Jahren, als Jonas im Alter von 14 Jahren den Skifilm „Believe“ von Tanner Hall sah – seither strebte er einmal im legendären „Japow“ zu fahren - dem ultraleichten und für Japan typischen, trockenen Pulverschnee.

Nach langem Warten – auch pandemiebedingt – war es im Winter 2024 endlich so weit: Dreieinhalb Wochen voller Kulturaustausch und Powderabenteuer standen uns bevor.

Only Friends on Powderdays auf Honshu

Von Tokio aus ging es quer über Honshu nach Nozawa Onsen – ein Dorf, das auf den ersten Blick wie ein alpenländisches Skiidyll im Land der aufgehenden Sonne wirkt: Gasthäuser mit Namen wie „Schanze“ oder „Haus St. Anton“ stehen zwischen traditionellen japanischen Gebäuden - ein Erbe eines Vorarlbergers, der vor über einem Jahrhundert die Skitechnik nach Japan gebracht hat.

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Hier fanden wir nicht nur deutschsprachige Namen, sondern auch eine tief verwurzelte japanische Badekultur. In den 13 frei zugänglichen Onsen trifft sich täglich die Dorfgemeinschaft zum Baden. Für uns zunächst ungewohnt heiß, entpuppte sich das Baden in den heißen Quellen als wohltuendes Ritual nach einem Skitag.

Der erste Skitag war magisch: Über Nacht war Neuschnee gefallen. Aufgrund des anhaltenden Schneesturms war aber der obere Teil des Skigebiets geschlossen, was uns und andere nicht davon abhielt, mit den Fellen zu unverspurtem Terrain aufzusteigen. In der Liftschlange kamen wir mit einem Einheimischen ins Gespräch, er meinte per Google Translate, es sei ein „schlechterer Winter“ – für uns jedoch kaum vorstellbar.

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Weiter ging’s in den Myoko-Nationalpark. Zufällig fand am ersten Abend eine Safety Night mit lokalen Bergführern statt. Dort lernten wir, dass in Japan aufgrund geothermischer Aktivitäten den ganzen Winter über Gleitschneelawinen möglich sein können. Anzeichen dafür sind schwefelartiger Geruch oder plötzlichen Änderungen in der Schneebeschaffenheit. Außerdem werden wir darüber informiert, dass es in Japan kein umfassendes Lawinenwarn- und Rettungssystem gibt – im Notfall muss man in einer Schneehöhle die Nacht verbringen und bis zum nächsten Tag ausharren, bis Hilfe kommt. Also beschlossen wir, defensiv zu bleiben und keine unnötigen Risiken einzugehen.

In unserer Unterkunft - eine rustikale Blockhütte – trafen wir auf zwei Kanadier, die sich uns für die kommenden Tage anschlossen. Mit ihnen erkundeten wir die dichten Birkenwälder neben den Pisten im Akakura Kanko Resort, bevor wir uns tiefer ins Backcountry hinauf in Richtung Maeyama (1.932 m) wagten: Zwischen Wind, Nebel und knarrenden Birken spielte sich unser Aufstieg und die Abfahrt ab – mystisch, still, fast surreal.

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Nächster Morgen, ein traditionelles japanisches Frühstück mit Misosuppe, Fisch, Reis und Gemüse. Wir brechen auf ins Gebiet Myoko Suginohara, verlassen schnell die Gebietsgrenze und steigen bei leichtem Schneefall in völliger Stille zum Kraterrand des aktiven Vulkans Mt. Myoko (ca. 2.300 m) auf. Dort angekommen öffnet sich kurz ein Wetterfenster und offenbarte uns ein atemberaubendes Panorama mit einer traumhaften Vulkan- und Seenlandschaft. Der anschließende Run zurück ins Skigebiet war ein echtes Highlight, jeder Turn pures Glück. Noch vom Adrenalin beflügelt, bestiegen wir spontan einen Nebengipfel – den Mt. Akakura (2.141 m). Die Dämmerung brachte uns zurück ins Gebiet. Damit endete ein Tag, so grandios, dass für uns feststand, morgen geht’s zurück zum Krater.

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Wir werden nicht enttäuscht. Der Schnee ist noch tiefer, noch fluffiger als am Tag zuvor. Bei der zweiten Abfahrt, dieses Mal in den Krater, riecht es plötzlich nach faulen Eiern. Stellenweise ist die Schneedecke sogar weggetaut - ein Warnsignal. Wir beschließen einzeln in den Hang einzufahren. Bei der Rückfahrt in Richtung Skigebiet probierten wir eine alternative Route zum Vortag. Zunächst perfekter Tiefschnee durch lichten Wald, doch je tiefer wir kamen, desto dichter wurden die Sträucher und immer schwerer der Schnee. Die Dämmerung und leichter Schneefall setzten langsam ein. Uns wurde klar, dass wir uns bei der Abfahrt entgegen der Empfehlung unseres Hosts zu weit rechts gehalten haben, wodurch uns ein langer und flacher Forstweg bevorstand. In der Dunkelheit erreichten wir den Parkplatz des Skigebiets.

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Weiter ging’s nach Hakuba, wo Sonne pur und europäische Frühjahrsbedingungen inkl. Bruchharsch auf uns warteten. Der Fokus verlagerte sich von Powderruns zu entspanntem Apres Ski mit Bier, Ramen und Onsen und ein Besuch bei den berühmten Snow Monkeys in ihrer heißen Quelle rundete unseren Aufenthalt ab.

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Gemeinsam mit Freunden aus München erkundeten wir verschiedene Skigebiete, darunter Tsugaike und Happo-One. Am letzten Tag starteten wir von der Berghütte Sonai Happoike eine Skitour in Richtung Mt. Karamatsu (2.696 m) - mit Blick auf den Mt. Fuji, was uns den Atem verschlägt. Die Abfahrt führte uns durch eine steile, enge Rinne, endend in einem Bachlauf mit gigantischen Geschiebesperren - anspruchsvoll und überwältigend, Big Mountain-Feeling pur. Next stop Hokkaido!

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Hokkaido: Powder, Ramen und Onsen on repeat!

Wir landeten in Sapporo bei dichtem Schneetreiben. Die Autofahrt nach Niseko entpuppte sich als erstes Winterabenteuer auf Hokkaido: zwei Stunden Fahrt bei Sicht fast null, blinkende Pfeile wiesen den Weg durch meterhohe Schneeberge. Nach zwei Stunden Blindflug erreichten wir unser kleines Holzhaus mit Futons und Kamin im schneebedeckten Nirgendwo.

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Am nächsten Morgen fuhren wir in das kleine Moiwa Ski Resort. Schon vor Liftöffnung bildete sich eine lange Schlange von Skifahrern, denn dort wartete er: der perfekte Japow - trocken, leicht und durch den Schneesturm vom Vortag unfassbar tief. Von solchen Tagen hatten wir bei der Planung geträumt. Anfangs noch jeden Face-Shot mitgezählt, wurden es selbst auf den kurzen Abfahrten zu viele.

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Der nächste Powderday steht an und wir überlegten nochmals nach Moiwa zu fahren oder das Skigebiet Rusutsu auszuchecken. Wir entschieden uns schlussendlich für Rusutsu. Jedoch waren die Bedingungen dort weniger lohnend, unter der Powderschicht stoß man schnell auf eine Eisdecke - leider der falsche Call. Dadurch entschieden wir uns bereits am frühen Nachmittag für einen Onsen Stop in einem Fünf-Sterne-Spa für rund 8 €. Auf dem Heimweg fanden wir noch per Zufall ein fantastisches Restaurant in einem Onsen mit Ramen mit cremigem Kartoffelschaum: simpel, köstlich, der perfekte Genuss während draußen wieder Schneegestöber einsetzte.

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Der dritte Tag in Niseko versprach Sonne und blauen Himmel. Wir machten eine Skitour zum Chisenpuri (1.134 m). Die Route führte vorbei an einem Schwefelsee und durch die prächtige Winterkulisse aus frisch eingeschneiten Birkenwäldern auf den Gipfel, markiert durch einen Holzpflock mit Schriftzeichen. Kurz die Aussicht genossen, wechselten wir schnell in den Powdermodus, um vor den anderen Tourengehern die ersten Linien in den Hang zu zaubern.

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Ein persönliches Highlight war unser Versuch, den freistehenden Mt. Yotei, den Fuji von Hokkaido, zu besteigen – ein imposanter Vulkan mit fast 1.900 Metern Höhe. Wir entschieden uns für die Kimobetsu-Route auf der Ostflanke. Ohne Steigeisen war der Aufstieg oberhalb der Baumgrenze an dem Tag aber zu riskant, also kehrten wir ca. 300 Meter unterhalb des Kraterrands um – aber der Blick von dort war trotzdem unvergesslich: das Meer glitzerte weit im Osten und das Sonnenlicht spielte über die hügeligen Landschaften. Am Abend ließen wir die Zeit in Niseko bei Yakitori-Spießen in einem Izakaya ausklingen und stießen mit einem Glas Sake auf den Mt. Yotei an, den wir uns fürs nächste Mal aufheben möchten.

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Nach einer Nacht in Sapporo ging es weiter in den Osten/ in die Mitte der Insel, in den Daisetsuzan-Nationalpark. Die Fahrt dorthin war ziemlich monoton: Hügel und weite Landschaften. Unsere Motivation sank mit zunehmender Fahrt: Wir hatten in Niseko starke Tage und zweifelten, ob der Osten Hokkaidos mithalten kann. Doch angekommen in Ronenai, fernab der Touristenpfade, änderte sich alles. Wir verbrachten unsere letzten Tage der Reise in einem traditionellen Gasthaus, geführt von ehemaligen Snowboard Pros. Dort waren wir die einzigen westlichen Gäste und fühlten uns nochmal tiefer mit der japanischen Kultur verbunden.

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Unser erstes Ziel war der Mt. Asahidake (2.291 m), der höchste Gipfel Hokkaidos. Mit Hilfe der Großraumgondel sparten wir uns die ersten 500 Höhenmeter. Die Aufstiegsspur ab der Bergstation führte uns an Fumarolen, dampfenden Quellen, vorbei. Doch schlechte Sicht und eisige Verhältnisse zwangen uns am Vorgipfel zum Umkehren, sodass wir uns wieder in die Birkenwälder begaben. Die Schneemassen dort waren gewaltig, beinahe zu viel. Unsere Gastgeber schmunzelten darüber und erzählten von wesentlich schneeintensiveren Wintern früherer Jahre.

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Am letzten Skitag unternahmen wir eine Tour auf den Vorgipfel des Mt. Furano (1.912 m). Ein letztes Mal begeisterten uns die Schneemengen und die Schneequalität – das Highlight an dem Tag aber war das Bad im Outdoor-Onsen mitten im Wald, während die Dämmerung einsetzte und leise Schneeflocken vom Himmel fielen – ein perfekter Abschluss unseres Powderabenteuers im Land der aufgehenden Sonne und des wohl fluffigsten Schnees, den wir jemals erlebt haben.

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Fazit: Japow wir kommen wieder

Diese Reise hat uns gezeigt, wie vielseitig, landschaftlich divers und kulturell spannend Japan ist – ganz besonders im Winter. Skifahren in Japan ist mehr als nur Sport: Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt. Zwischen dampfenden Quellen, mystischen Birkenwäldern und schneebedeckten Vulkanen haben wir Momente erlebt, die wir nie vergessen werden.

Arigatou gozaimasu, Japan – wir sehen uns wieder.

Tags:   japan Freeride skiing
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