Interview mit Gian Ragettli
Im Gespräch gibt Gian Ragettli, Junior Weltmeister im Freeriden und aktiver Content Creator, Einblicke in seine Karriere, die Bedeutung seiner Heimat Flims Laax und die Philosophie, die sein Leben rund um den Sport prägt.
Gian, schön Dich zu sprechen! Fangen wir ganz einfach an: Wer bist Du und wie hat sich Deine große Leidenschaft für den Skisport entwickelt?
In meinem Leben hat sich eigentlich schon immer alles um den Sport gedreht. Ich habe bereits im Alter von zwei Jahren mit dem Skifahren begonnen. Und wie das so mit Geschwistern und in der Familie so ist, wollte jeder schneller oder besser sein als die anderen und dadurch entstand eine gewisse Dynamik. Zudem hatten wir das Glück, mit Flims Laax in der für uns perfekten Region aufzuwachsen. Hätten wir diese Freiheit und diese Möglichkeiten wir hier nicht gehabt, dann wäre wahrscheinlich etwas anderes aus mir und meinem Bruder geworden.
Wie hat sich Deine Leidenschaft für den Skisport weiterentwickelt?
Meine Geschwister und ich hatten alle einen sehr klassischen Anfang mit Ski Alpin, wo wir auch einige Rennen gefahren sind. Wir waren auch erfolgreich und extrem ehrgeizig, aber das Training hat uns weniger Spaß gemacht. Irgendwann haben mein Bruder und ich dann angefangen mit Snowboarden zu liebäugeln und Freestyle auszuprobieren. Den Startschuss für unsere heutige Leidenschaft kam aber von einem Freund unseres Vaters, der uns mit die ersten „Free Skis“ zum Ausprobieren gab. Wir haben daraufhin jede freie Minute auf den Skiern genutzt. Je nach Schneelage sind wir sogar mit den Skiern bis zur Schule gefahren. Und mittwochs haben wir immer den freien Nachmittag genutzt: Wir sind gleich nach der Schule um 11:30 Uhr nach Hause gerannt, haben unsere Skisachen gepackt und sind in Park am Crap Sogn Gion gefahren. Mein Bruder und ich haben uns dann immer gebattlet und da war er mir manchmal ein Dorn im Auge. [lacht] Und nach der Zeit habe ich gemerkt, dass ich eher ein offensiver, kraftvoller Skifahrer bin und mir das Freeriden besser liegt.
Dieser Wechsel hat sich ausgezahlt: 2012 wurdest Du Junior-Weltmeister im Freeriden. Wie lief das damals für Dich?
Ja ich hatte das Glück, das ich viele ältere Freunde hatte, wie den Armin Beeli oder Christian Koray, die viel beim Freeriden waren und mit dann immer mitgenommen haben. Irgendwann hat mich meine Mutter dann einfach bei den Junioren Qualifiers angemeldet. Zu dem Zeitpunkt war ich erst 17 und hatte keinen Führerschein, also bin ich mit Christian und Armin quer durch Europa gefahren. Ich konnte aber natürlich nicht alle Wettkämpfe fahren. Zu meinem Glück wurden aber genau die Stopps abgesagt, die ich sowieso ausgelassen hätte. So wurde ich Junior-Weltmeister im Freeride.
Hat sich dadurch etwas für Dich verändert?
Dieser Erfolg hat mir viele Freiheiten verschafft; ich musste mich nicht mehr so krass „verkaufen“. Die Sponsoren unterstützten mich und fragten nach meinem Plan. Für die World Tour bei den Erwachsenen habe ich dann aber die falsche Strategie gewählt. Ich war extrem offensiv unterwegs und stürzte bei 75% der Wettkämpfe. Außerdem habe ich unterschätzt, dass man viel alleine macht. Irgendwann habe ich dann nur noch an Wettkämpfen teilgenommen, wo auch meine Freunde am Start waren. Im Nachhinein wäre es besser gewesen an allen Stopps teilzunehmen und komplett auf Sieg oder Crash zu setzen – sonst schafft man nämlich den Cut nicht.
Heute mache ich höchstens noch einen Wettkampf im Jahr und konzentriere mich auf Fun, Filmen und Spaß mit Freunden. Trotzdem bin ich immer noch sehr ambitioniert, gebe Vollgas, riskiere gerne Sachen und bin „wild“.
Der Gemeinschaft und das Erlebnis mit anderen spielen im Freeski und Freeride also eine große Rolle?
Die Community ist das Wichtigste, ganz klar. Spaß ist das A und O. Du kannst selbst an einem Schlechtwettertag etwas Neues lernen und Spaß haben, wenn du die richtige Gruppe dabeihast.
Wie schätzt Du das Standing von Flims Laax innerhalb dieser Community ein?
Flims Laax ist das absolute Zentrum. Das Interessante ist, dass andere Destinationen zwar den gleichen Park bauen könnten, aber sie haben nicht den nötigen Background und nicht die Leute – sie haben den Vibe nicht. Bei uns ist es umgekehrt: Viele Profi-Snowboarder und Freeskier wohnen hier und verbringen ihre Zeit hier, was eine extreme Dynamik erzeugt. Die Region hat sich in den letzten zehn Jahren durch Performance entwickelt und bietet ganz klar einen der besten Freestyle Parks weltweit. Das ist ein riesiges Luxusgut, da man auch nur im Park fahren könnte und sich nie langweilen würde.
Wie sieht dann Dein perfekter Skitag in Flims Laax aus?
Mein idealer Tag wäre, am Morgen mit den richtigen, schnellen und fitten Kollegen Freeriden zu gehen, wenn guter Schnee liegt. Wir probieren Sachen aus und filmen ein bisschen. Danach gibt es Mittagessen im No Name am Crap Sogn Gion. Am Nachmittag würde ich die Zeit im Park verbringen, wenn die Sonne den Schnee weicher macht, um Kicker und Rails zu springen. Hier zählen nur der Spaß und der Support der Gruppe. Zum Abschluss noch ein entspannter Decaff, gefolgt von einem Flug mit dem Gleitschirm, oft vom Park aus, bis zu mir in den Garten.
Mit der Eröffnung der letzten Sektion des Flem Express eröffnet sich ja auch ein „altes“, neues Freeride-Gebiet, der Cassons. Was bedeutet das für die Freeride-Sezene in Flims Laax?
Für mich als Flimser (obwohl ich jetzt in Laax wohne) hat das einen extrem hohen Stellenwert. Vor dem Rückbau der alten Cassons-Gondel bin ich vielleicht nur ein bis zweimal pro Jahr dort gefahren. Aber es wird einem erst bewusst, was fehlt, wenn es nicht mehr da ist. Das Gebiet umfasst eine riesige Flanke und vervollständigt das Ski-Resort erst. Wenn Cassons wieder steht, ist das sehr interessant für Skitouren und Freeriden, da man von dort oben besseren und kürzeren Zugang zu fünf bis zehn Bergen hat.
Du bist ja auch Teil des LAAX Rider Teams. Wie siehst Du Deine Rolle, die Passion weiterzugeben und die Szene zu unterstützen?
Es freut mich extrem, wenn ich meine Leidenschaft teilen und weitergeben kann. Ich bin Teil des LAAX Rider Teams, das aus etwa 30 Athleten (Snowboardern und Freeskiern) besteht und das Skigebiet verkörpern soll. Ich glaube fest daran, dass solche Gruppen im Skisport entscheidend sind; wenn man zur richtigen Zeit mit der richtigen Gruppe Sport macht, kommt man automatisch auf ein hohes Level. Das möchte ich verkörpern: Spaß in der Gruppe zu haben.
Du bist ja auch abseits des Schnees ein kreativer Kopf und arbeitest als Content Creator und Social Media Experte. Inwiefern überschneiden sich Deine Leidenschaft und Dein Beruf?
Wir müssen uns mit dem Filmen verkaufen. Das ist wie ein Beweismittel, dass man einen Trick gestanden hat. Du musst aber nicht die krassesten Tricks machen, es kommt darauf an, wie du sie machst und wie du es verkörperst. Dadurch bauen Freeskier automatisch ein großes Kamerawissen auf. Ich bin zwar kein Profi-Fotograf, weiß aber, wie es gut aussehen könnte und was die Mindestanforderung ist, damit es gut verkauft werden kann. Meine Kernkompetenz ist die Strategie. Ich wende das Know-how, das ich aus dem Sport generiert habe – also was eine Community sehen will – auf meine Arbeit als Social Media Manager für Unternehmen an.
Was sind die größten Herausforderunugen bei der Content Creation im Schnee?
Man muss alles gut vorplanen und trotzdem spontan sein können. Es ist extrem schwierig, da man sich als Fotograf von den Perspektiven her nicht beliebig bewegen kann. Es erfordert viel Energie, ist also für den Fotografen mit schwerem Rucksack noch anstrengender als für den Fahrer selbst. Man braucht jemanden, der gut fährt, das Skigebiet gut kennt und mit dem man harmoniert, weil man sich sonst schnell verfährt und die Zeitfenster sehr eng sind. Guter Schnee ist nur für einen Tag, vielleicht zwei oder drei, verfügbar
Wenn es so schwierig ist, hast Du dann auch einen bestimmten Spot, der sich besonders gut eignet und Du gut kennst?
Also ich habe schon ein paar Favorite-Spots, aber die verrate ich nicht – sonst sind sie nicht mehr so ruhig. Nein, beim Skifahren kommt es auch viel darauf an sich selbst auszuprobieren und neue Seiten zu entdecken. Das weckt Emotionen und ist extrem wichtig für ein authentisches Storytelling. Man spürt bei Content schnell, ob da Absicht oder frische Energie dahintersteckt. Diese Dynamik muss man verkörpern und versuchen rüberzubringen.
Dein Bruder Andri Ragettli hat an den Olympischen Spielen in diesem Jahr teilgenommen. Du warst in der Vergangenheit schon öfter mit dabei, wie hast Du das bisher erlebt?
Ich war bei früheren Olympiaden zum Filmen dabei, aber das Problem ist, dass man extrem limitiert ist. Es gibt nichts Mühsameres, als bei einer Olympiade zu filmen. Für mich persönlich gibt es coolere Events. Die LAAX Open und die X Games machen mir viel mehr Spaß, weil der Vibe ein anderer ist und man nicht so stark limitiert ist. Unser Sport lebt von Entfaltung – egal, ob im Wettkampf oder im kreativen Bereich. Das macht unseren Sport so interessant. Sollte Freeriden eines Tages ebenfalls olympisch werden, wäre das auf jeden Fall eine tolle Geschichte. Das wäre ein riesiger Push für die Sportart und, ich glaube, das beißt sich auch nicht, weil jeder das tun kann, worauf er Lust hat.
Photo: Philipp Ruggli
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