Freeride-Weltmeisterin Eva Walkner im Interview

Freeride-Weltmeisterin Eva Walkner im Interview

Von Julia Schwarzmayr am 19.Okt. 2016

Andi Spies hat Freeride-Weltmeisterin Eva Walkner anlässlich der Vorstellung ihres Films "Exploring Alaska" beim Freeride Filmfestival zum Interview gebeten.

Wie entstand die Idee zu deinem Filmprojekt „Exploring Alaska"?
Das ganze Projekt hat schon im Frühjahr 2013 begonnen. In der damaligen Saison hatte ich mir beim ersten Contest-Stopp in Revelstoke Ende 2012 das Kreuzband gerissen und lag nach der Operation untätig zu Hause. Die Heilung zog sich ziemlich hin, es gab Komplikationen und zwei weitere Operationen. Ich musste mich also mit etwas Positivem ablenken und überlegte, was denn wohl mein größter Traum wäre: „Ja, nach Alaska, das wäre irgendwie cool." Das war dann die Initialzündung. Ich hab dann mit Nadine Wallner darüber geredet und auch sie fand die Idee cool. Also habe ich angefangen, das Ganze zu organisieren: Produktionsfirma, Sponsoren, Konzepte schreiben. Das war dann ein Fulltimejob im Sommer, der mich von der Quälerei mit meinem Knie abgelenkt hat. Das Schöne war, dass ich ein ganz anständiges Budget zusammenbekommen habe.

Wann ging es denn dann endgültig los mit der Produktion?
Zunächst hab ich noch die Christine Hargin, die ja eine gute Freundin von mir ist, gefragt, ob sie mit dabei sein will. Und im April 2014 saßen wir dann im Flieger nach Alaska und die Produktion ging los. Aber da haben die Probleme erst so richtig ihren Lauf genommen... Unsere Idee für Alaska bestand ja aus zwei Teilen. Zum einen wollten wir in Haines zum Heliskiing, quasi als Training und um Erfahrungen zu sammeln, weil keine von uns jemals vorher dort gewesen war, wir hatten immer nur von diesen berühmt-berüchtigten steilen Spines gehört. Im zweiten Teil unseres Trips wollten wir dann ins Bagley Icefield fliegen, um dort zu campen und zu hiken.

Und wie wars dann vor Ort?
Wir haben uns an Alaska sehr langsam herangetastet und sind zunächst eher gemäßigte Lines gefahren. Damit waren wir alle nicht so recht zufrieden - wir dachten, der Heli fliegt uns auf jeden beliebigen Berg, aber so war es nicht: es waren nämlich noch die Pirates und die Absinthe-Crew zum Filmen da. Wir haben uns dann mit den Pirates den Heli geteilt. Da die aber in Alaska schon viel länger filmen, hatten sie Priority und konnten sich die besten Runs aussuchen. Zudem war es der schlechteste Alaska-Winter seit Jahren und viele Hänge konnte man einfach nicht befahren.

Wir sind dann trotzdem ein paar super schöne Lines gefahren, aber nichts extremes. Die anderen Crews sind schöne Sachen auf den „Dirty Needles" gefahren und wir haben zu unserem Guide Tim gesagt, wenn der nächste Schneefall kommt und die Spuren dort zugedeckt sind, wollen wir da auch rauf. Ich war dann die erste von uns, die dort reinfahren durfte. Dabei fühlte ich mich schon ein wenig mulmig. Mein Knie schmerzte immer noch und ich war seit zwei Jahren keine richtigen Lines mehr gefahren. Natürlich wollte ich deswegen nicht das ganze Projekt absagen. Ich bin dann also losgefahren, habe einen falschen Drop In gewählt und mich gleich im steilsten Teil des ganzen Face wiedergefunden. Ich war einfach ein wenig aus der Übung, was das Lines Anschauen und das spiegelverkehrte Befahren angeht. Es war so steil dort, dass meine Hand seitlich im Schnee streifte, der Sluff-Wasserfall ständig neben mir hinabrauschte, einfach unfassbar. Sicher das größte Erlebnis, das ich jemals beim Freeriden gehabt habe. Ich hab dann noch zweimal kurz stehenbleiben müssen, um mich zu orientieren. Aber unten raus war es der geilste Run, den ich jemals gemacht habe, der mir wahrscheinlich in 50 Jahren noch in Erinnerung ist, als wäre es gestern gewesen.

Christine hat sich im Face dann auch noch ein bisschen verfahren, aber wir waren heil unten. Dann kam Nadine, die gleich zu Beginn einen Sluff-Rutsch ausgelöst hat und dann in ihren eigenen Sluff wieder reingefahren ist. Da hat es ihr die Skier weggezogen und sie ist gut 300 Meter lang mitgerissen worden. Dabei hat sie sich einen Unterschenkelbruch zugezogen und wir mussten das ganze Projekt absagen beziehungsweise verschieben.

Ihr habt es dann erst in diesem Frühjahr fertigfilmen können?
Ja, im Winter 2015 war Nadine noch nicht so weit mit der Regeneration. In diesem Frühjahr konnte dann zwar Christine nicht mehr, was extrem schade war, aber wir wollten den Film endlich fertigstellen.

Leider lief auch das nicht wie gewünscht. In den drei Wochen, die wir dafür eingeplant hatten, war es so warm wie selten in dieser Gegend und es hat zum Teil geregnet. Am Ende hatten wir nur zwei gute halbe Tage. Am ersten haben wir uns ein bisschen herangetastet, aber der Schnee ist schon ziemlich feucht geworden. Am zweiten Drehtag hatten wir dann ganz gute Firnbedingungen, aber es war sehr gefährlich: es war brutal warm, rechts und links gingen Lawinen ab, das war so laut wie auf dem Flughafen. Wir hatten einfach keine gute Zeit erwischt und das gesamte Filmprojekt war irgendwie eine schwere Geburt.

Was dürfen wir denn jetzt vom fertigen Film erwarten?
Eigentlich eine ziemlich realistische Dokumentation von dem, was wir erlebt haben. Inklusive aller Widrigkeiten, Frustrationen und unerfüllten Hoffnungen. Ich selber mag Filme, die eine Geschichte erzählen und sich nicht nur auf die reine Action fokussieren. Unsere Erlebnisse und Erfahrungen beim Freeriden in Alaska werden im Fokus stehen. Wir wollen vor Augen führen, was sich bei einem solchen Trip im Hintergrund abspielt. Emotionen zeigen und authentisch sein. Beide Erlebnisse, das Heliskiing sowie das Campen im Backcountry, waren sehr intensiv.

Und beides ist nicht vergleichbar mit Sachen, die du beim Freeriden in den Alpen bisher gemacht hast, oder?
Ja, beides ist sehr speziell und auch mit einem gewissen Risiko behaftet. Aber in den Alpen ist es deshalb nicht weniger lustig. Ich bin sehr gerne in den Alpen, jetzt vielleicht sogar noch ein bisschen lieber. Wenn du in den Dolomiten steile Rinnen fährst, solltest du besser auch nicht stürzen. Oder wenn ich schaue, was die ganzen Chamonix-Jungs so machen, das ist auch riskant. Freeriden in Alaska ist weder besser noch schlechter, es ist einfach etwas Anderes.

Hat sich dein Riding durch deine Verletzung verändert?
Ich denke, wie man eine Verletzung verarbeitet hängt vom Typ ab und davon, wie stark man mental ist. Zurückkommen ist nie und für niemanden einfach und bedeutet die doppelte Arbeit. Ich habe verletzungsbedingt zwei Jahre von der Worldtour pausieren müssen und dann in meinem Comeback-Jahr gewonnen. Ich habe in meinem Leben schon so viele Verletzungen gehabt und weiß vielleicht schon ein bisschen mehr, was auf mich zukommt. Zudem bin ich im Kopf sehr stark. In den beiden Jahren meiner Verletzungspause habe ich mental sehr viel gearbeitet und nie etwas dem Zufall überlassen.

Und wie kommst du mit dem Risiko klar, das Freeriden mit sich bringt?
Das Risiko fährt bei uns immer mit, und nach den tödlichen Lawinenunfällen von Estelle Ballet und Matilda Rapaport bin ich auch ein bisschen hin- und hergerissen, wie der Weg bei mir weitergeht und wie viel Risiko ich selbst noch bereit bin einzugehen. Die Freeride World Tour ist das Sicherste was man im Freeridesport betreiben kann, denn die Hänge, die wir dort fahren, werden von den Bergführern geprüft und wenn nötig abgesprengt. Aber beide sind bei Filmdrehs gestorben, da frage ich mich manchmal schon, ob wir nicht zu viel Risiko für eine gute Actionszene eingehen. Würde ich das jetzt auch ohne Kamera fahren? Man stellt sich einfach extrem viele Fragen nach so einer Geschichte.

Aber besteht nicht der Druck, immer noch spektakulärere Bilder und Clips zu liefern?
Die Nachwuchsfahrer fahren mittlerweile alle auf extrem hohem Niveau, vor allem bei den Herren ist der Druck schon sehr groß. Und obwohl es faszinierend zu sehen ist, dass das Level stetig nach Oben geschraubt wird, bin ich kein großer Fan von Skifilmen, in denen es nur um krasse Action geht. Ich schaue mir dann echt lieber eine Ski-Doku an, in der es zum Teil zwar auch um extreme Sachen geht, aber anders und vielleicht ein wenig mehr durchdacht, in der eine Geschichte erzählt wird, bei der es um Menschen geht. Die Entwicklung zu immer extremeren Szenen in den reinen Action-Filmen finde ich nicht so gut. Ich finde es auch gut, dass beim Judging auf der Freeride World Tour ein wichtiges Kriterium die sichere Ausführung deines Runs ist. Da wird viel Wert darauf gelegt, dass sich die Leute richtig einschätzen und nur eine Line wählen, die sie auch ohne Fehler und Stürze fahren können.

Bekommst du beim Filmen da wirklich keinen Druck, dass du für die Kamera dann doch ein bisschen mehr riskierst?
Im Grunde entscheide ich, was ich fahre. Ich habe auch noch nie einen Filmer oder Sponsor oder irgendjemanden gehabt, der mich mit irgendwas genötigt oder gedrängt hätte. Ich entscheide, ob ich fahre oder nicht. Wenn jemand Druck macht, dann am ehesten ich selber ein bisschen. Wer ehrgeizig ist, will ja auch was erreichen und Titel gewinnen. Ich denke, den meisten Druck macht sich der Athlet selbst, aber ich werde mich für keinen Sponsor auf der Welt verändern und mehr Risiko eingehen. Ich glaube, dass die Jüngeren vielleicht eher dazu tendieren, das schon zu machen und sich selber ein bisschen mehr unter Druck zu setzen – um aufzufallen, das müssen sie beim derzeitigen Level ja irgendwie. Das birgt natürlich schon eine gewisse Gefahr.

Du hast mittlerweile ja jahrelange Erfahrung, auch im Vermeiden von Unfällen. Kannst du dich denn an Situationen erinnern, in denen du zu viel riskiert hast?
Gerade am Anfang meiner Freeride-Karriere gab es sicher solche Situationen. Ich war zusammen mit meinem Teamkollegen Richard Permin zum Filmen in Argentinien. Wir hatten Guides dabei und wollten einen Hang fahren, in dem massive Schneeverwehungen drin waren. Ich war damals ein absolutes Greenhorn, und nachdem Richard den Hang zwei Mal gefahren ist, bin auch ich runter und gleich am Start mit der Wechte eingebrochen. Es ist gerade noch mal alles gut gegangen - und dann, fünf Sekunden vor meinem Drop In, ging der ganze Hang ab. Die massive Lawine mündete unten in einen kleinen Kessel. Das war der absolute Wahnsinn, heute würde ich einen solchen Hang niemals mehr befahren.

Hast du daraus für dich Konsequenzen gezogen?
Oh ja! Es ist enorm wichtig sich weiterzubilden, denn man lernt nie aus. Ich habe schon viele Fehler gemacht und mache jetzt immer noch Fehler. Selbst die Besten der Besten machen immer noch Fehler und lernen jeden Tag. Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit beim Freeriden, egal ob du Anfänger oder Vollprofi bist. Aber du kannst durch gute Ausbildungen und stetiges Lernen das Risiko sehr stark minimieren. Jeder von uns braucht Ausbildung, egal ob Worldtour-Fahrer, Weltmeister oder Anfänger, jeder von uns braucht noch viel mehr Ausbildung, um Lawinenabgänge zu vermeiden. Zusammen mit Jackie Paaso und Aline Bock organisiere ich deshalb in diesem Winter Woman-Avalanche-Clinics an verschiedenen Locations wie der Zugspitze, am Kitzsteinhorn, im Pitztal und in Laax. Diese „Safe On Snow" Eintages-Workshops für Frauen unterrichten über alpine Gefahren und bringen Notfallmaßnahmen bei. In diesem Jahr möchten wir mit vier Stopps starten und das Ganze dann weiter ausbauen.

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