„Bei einem Vierer habe ich im Gelände nichts verloren“
Gefahrenstufe 4 in Tirol, ein ausgeprägtes Altschneeproblem und viel Neuschnee mit Wind. Die Lawinensituation ist ernst. Wir haben mit Gerhard Mössmer vom Österreichischen Alpenverein und den SAAC Camps gesprochen.
Die Warnungen sind deutlich. In großen Teilen Tirols herrscht Gefahrenstufe 4, also große Lawinengefahr. Dennoch sieht man im freien Gelände weiterhin Wintersportler, teilweise ohne entsprechende Notfallausrüstung. Wie passt das zusammen?
Gerhard Mössmer ist seit 17 Jahren Bergführer und arbeitet beim Österreichischen Alpenverein in der Abteilung Bergsport. Dort ist er für Publikationen, Lehrmeinung, Ausbildung und Sicherheitskonzepte verantwortlich. Zusätzlich koordiniert er bei den SAAC, den Snow and Alpine Awareness Camps, die Wintercamps und sorgt dafür, dass Inhalte und Bergführer auf dem neuesten Stand sind.
Im Winter ist er viel unterwegs, in intensiven Saisonen bis zu 100 Tage. Aktuell jedoch bleibt selbst ein Profi bewusst defensiv.
Wie entsteht der Lawinenlagebericht?
Viele lesen täglich die Gefahrenstufe, wissen aber nicht genau, wie sie zustande kommt. Mössmer erklärt, dass der Lawinenlagebericht wie eine Informationspyramide aufgebaut ist.
„Wir bekommen die Information von oben nach unten, zuerst die Gefahrenstufe, dann die Lawinenprobleme, Gefahrenstellen und schließlich die detaillierte Beschreibung. Die Lawinenwarner arbeiten aber genau umgekehrt.“
Grundlage sind zahlreiche Daten aus Wetterstationen und Beobachtungen aus den Regionen. Dazu kommen Schneeprofile, Stabilitätstests, Informationen zu Temperatur, Wind und Niederschlag.
Entscheidend ist eine Matrix, in der drei Faktoren bewertet werden, nämlich mögliche Lawinengröße, Anzahl der Gefahrenstellen und Stabilität der Schneedecke. Aus dieser Kombination ergibt sich schließlich die Gefahrenstufe.
„Ein Dreier ist nicht gleich ein Dreier. Man muss verstehen, wie er zustande kommt.“
Warum dieser Winter besonders heikel ist
Der Winter wird aktuell oft als außergewöhnlich beschrieben. Für Mössmer ist er nicht völlig untypisch, aber in seiner Ausprägung problematisch.
Zu Beginn gab es wenig Schnee und tiefe Temperaturen. Dadurch entwickelte sich ein schwacher Schneedeckenaufbau, ein klassisches Altschneeproblem. Dieses Problem zieht sich durch den gesamten Winter.
Nun kam viel Neuschnee dazu, begleitet von Wind. „Neuschnee und Wind ergeben ein Triebschneeproblem, auf einem schlechten Altschneefundament. Das ist keine gute Mischung.“
Besonders tückisch ist, dass das Problem in der Schneedecke liegt und von außen kaum erkennbar ist.
Was bedeutet Gefahrenstufe 4 konkret?
Gefahrenstufe 4 heißt große Lawinengefahr. Für Mössmer ist die Konsequenz klar.
„Bei einem Vierer habe ich im Gelände nicht mehr unbedingt etwas verloren, außer ich kenne mich extrem gut aus. Und mit diesem massiven Altschneeproblem ist selbst das schwierig.“
Er selbst war zuletzt ausschließlich auf der Piste unterwegs. „Wenn sogar ich mir als Profi schwer tue, die Gefahrenstellen zu erkennen, dann ist es einfach zu heikel.“
Sein Rat lautet daher, einige Tage defensiv zu bleiben, auf die Piste auszuweichen oder ein Alternativprogramm zu wählen.
Unterwegs ohne Ausrüstung
Trotz klarer Warnungen sind immer wieder Menschen ohne LVS, Schaufel oder Sonde im Gelände zu sehen. Für Mössmer ist das schwer nachvollziehbar.
„Bei einem Vierer ohne Notfallausrüstung unterwegs zu sein, da hört mein Verständnis auf.“
Er betont die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Andere im Gelände aktiv anzusprechen sei kaum umsetzbar. „Wenn ich damit anfange, werde ich nicht mehr fertig.“
Besonders tragisch ist, dass es in diesem Winter bereits Lawinentote ohne LVS-Gerät gab. „Da habe ich einfach keine Chance.“
Der häufigste Fehler
Was beobachtet er am häufigsten?
„Dass Warnungen ignoriert werden und viele denken, mir wird schon nichts passieren.“
Hinzu kämen schlechte Planung, mangelhafte Vorbereitung und fehlende Ausrüstung.
Was heißt defensiv unterwegs sein?
Für Mössmer lässt sich das einfach zusammenfassen.
„Wenn die Lawinengefahr das Problem ist, ist das Gelände die Lösung.“
Konkret bedeutet das, Hänge unter 30 Grad zu wählen, Einzugsbereiche zu beachten und keine steilen Hänge über sich zu haben. Besonders bei einem Altschneeproblem sei Zurückhaltung entscheidend, weil man die Schwachschichten von außen nicht erkennen könne.
Training ist Pflicht
Seine klare Empfehlung lautet, zu Saisonbeginn ein LVS-Training zu absolvieren. Vor jeder Tour sollte zudem ein LVS-Check in der Gruppe selbstverständlich sein.
Unsichere Tage können sinnvoll genutzt werden, um im sicheren Bereich zu üben.
Helfen Handy-Warnungen?
Am Wochenende wurde erstmals eine offizielle Gefahrenmeldung per Handy verschickt. Ob sie Wirkung gezeigt hat, lässt sich derzeit nicht sagen.
„Rückmeldungen haben wir keine. Aber alle Möglichkeiten, die wir haben, gehören genutzt.“
Seine Botschaft für diesen Winter
Wenn er nur einen Satz formulieren dürfte, wäre es dieser:
„Beim Altschneeproblem defensiv bleiben und ohne Notfallausrüstung ist ein absolutes No-Go.“
Oder noch einfacher:
Wenn die Lawinengefahr das Problem ist, ist das Gelände die Lösung.
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