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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [TR] Micro-Adventures



infectious
09.01.2021, 17:03
Trip-Reports sind leider enorm selten geworden. Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht geliked und geshared werden können und auch unter kommerziellen Gesichtspunkten für Sponsoren kaum verwertbar sind. Aber ist das der Kern unserer Sportart? Geifern nach Aufmerksamkeit und sich dem Mainstream anbiedern? Ich denke nein und genau deshalb möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen und ein leuchtendes Beispiel für andere mit ähnlichem Mindset sein, die dadurch eventuell zu ähnlichen Experiences inspired werden könnten.
Leider konnte ich aufgrund der Bedingungen und extremen Verhältnisse von meinem Trip keine Bilder machen. Aber ich bin ja schließlich auch kein Scheiss-Influencer beim weichgespülten Instagram.

Die Corona-Pandemie stellt für viele deutsche Freerider eine echte Extremsituation dar: alle potenziell spannenden Locations bleiben unerreichbar. Aber mit viel Willen und Einfaltsreichtum ist es vielleicht doch möglich, seiner Passion nachzugehen, wie ich selber erfahren durfte. Wenn auch die Umstände nicht einfach waren.

Aber fangen wir von vorne an. Unter verschiedenen Gesichtspunkten (auch unter Berücksichtigung von Corona-Verordnungen) ist die Vorbereitung auf so einen Trip natürlich von immenser Bedeutung. Das angesteuerte Gebiet bietet infrastrukturell ähnliche problematische Verhältnisse wie Patagonien, Alaska oder der Himalaya. Berichte über Schneequalität oder gutes kartographisches Material sind im Vergleich zu den durch und durch erschlossenen Alpengebieten mit Webcams an jeder Schneelanze nur sehr schwer zu bekommen - von professionellen Hilfestellungen wie Lawinenbulletins, Condition-Reports oder automatischen Temperatur-, Wind- und Schneehöhenmeßstationen ganz abgesehen. Also eine wirklich diffizile Ausgangslage. Aber man hat sich ja im Laufe der Jahre etwas Erfahrung und ein kleines Netzwerk aufgebaut. Mithilfe einiger Locals wird in langen abendlichen Diskussionen der Kreis der Möglichkeiten an Locations schließlich eingeschränkt. Der Plan ist ein Spot, mit dem mich eine enge persönliche Geschichte verbindet, der in meinem Leben eine große emotionale Rolle gespielt und maßgeblichen Einfluss auf mein Freeriden ausgeübt hat.
Bleibt die Frage nach dem Material: das leichte Tourensetup, die Allzweckwaffe oder die fetten Powderlatten? Daunenjacke, Hardshell, welchen Baselayer, welchen Midlayer? Ohne verlässliche Informationen vor Ort beinahe russisches Roulette. Ich entschließe mich schweren Herzens, einfach mal alles mitzunehmen, das lässt mir dann vor Ort alle Optionen. Zweieinhalb Stunden später ist alles gepackt.
Und wer kommt mit? 2 Buddys melden großes Interesse - ich bin mir nicht ganz sicher wegen möglicher gruppendynamischer Einflüsse bei einer Dreier-Combo, aber kann letztlich auch nicht nein sagen.
Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten schlafe ich schlecht und werde von einem aufgeregten Buddy um 4:30 Uhr geweckt. Blick aus dem Fenster: pechfinstre Dunkelheit und leichter Schneefall, aber das ist noch etwas zu früh - also nochmal umdrehen.
Dann nervöses Frühstück und früher Start hinaus in die Kälte. Die Lenkradheizung spendet etwas an freundschaftlicher Wärme auf dem Weg in die unerbitterliche Wildnis. Die Strassenverhältnisse sind für jahrelang trainierte Fahrer gerade noch machbar, die Schneeketten können Gott sei Dank im Kofferraum bleiben und wir kommen frühzeitig am anvisierten Spot an. Es ist 10:15 Uhr.

Ich bin überrascht: nichts los - nur knappe 80 Autos auf dem Parkplatz. Und am anvisierten Face noch keine Aufstiegspuren! Bedeutet natürlich selber Spuren. Bei den Verhältnissen durchaus anspruchsvoll, da die beiden Buddys sich nach langer Diskussion noch auf dem Parkplatz dazu entschließen, lieber zurückzuziehen. Weicheier! Aber das sind genau diese gruppendynamischen psychologischen Prozesse, die oft in der Planung zu wenig berücksichtigt werden. Für mich eine weitere Lesson Learned: man kann sich einfach auf niemand verlassen, selbst in Extremsituationen.
Ich blicke nicht zurück, konzentriere mich neu und bin gleich wieder komplett in the Zone: die Bewegungsabläufe sind im Laufe der Jahre bis zur Perfektion automatisiert - Steigeisen und Pickel einpacken, LVS checken, Gelände sondieren, GPS einschalten - noch ein kurzer Schluck aus der Thermoflasche mit dem isotonischen Getränk und los gehts.

Zur Sicherheit und weil ich jetzt allein unterwegs bin, grabe ich noch ein Schneeprofil. Die schlechte Informationslage hatte ich ja bereits oben angesprochen, gibt einem einfach kein gutes Gefühl, auch wenn ich keine Alarmzeichen, wie kürzlich abgegangene Lawinen im Hang erkennen kann. Der Schneedeckenaufbau ist vielschichtig und komplex und zeigt leider ein deutliches Altschneeproblem. Auf der gesetzten Schicht liegt eine dünne Schicht ungebundener kalter Blower-Powder, der die Situation noch komplexer macht. Der ECT lässt sich leider nicht durchführen aufgrund der geringen Schneemächtigkeit von lasergemessenen 108mm (inklusive Blower). Aber ich lasse mich nicht entmutigen und mit der Aussicht, dass dies der letzte Freeride-Tag für lange Zeit sein könnte im Hinterkopf beschließe ich, trotzdem zu starten. Ich bleue mir ein: bleib cool, nicht zu sehr vom Stoke verleiten lassen und immer schön defensiv!
Die ersten Meter zum Eingehen - alles wie im letzten Jahr. Das Gelände ist unten unschwierig und leicht kupiert, erst im Gipfelhang steilt es deutlich auf. Vielleicht geht es sogar ohne Steigeisen, denke ich mir. Das Wetter ist garstig und die Sicht neblig, aber die Muskeln werden langsam warm. Ein Schritt nach dem anderen - immer weiter, immer weiter... Ich bin jetzt voll im Flow. Die erste Spitzkehre des Jahres immer ein bisschen ein Krampf, aber an diesem Morgen fast problemlos. Ein gutes Omen für den Gipfelhang? Ich komme gut voran bis über die Baumgrenze. Zwischendrin ein kleiner Energieriegel, geht scho. Vor dem schwierigen Gipfelhang sondiere ich nochmal die Situation neu und sehe, dass andere heuer schon am Gipfel waren - ein gutes Zeichen! Obwohl ich komplett auf mich allein gestellt bin, beschließe ich: Go! Aber die Verhältnisse bleiben beherrschbar und der Pickel bleibt am Rucksack.
Nach gefühlt endlos langem Aufstieg schließlich: der Gipfel! Ich bin ob der Höhe schwer am Atmen, das Panorama ist fantastisch, ein Wahnsinnsgefühl! Jeder, der so eine Tour schon gemacht hat, weiß wovon ich spreche. Dieses Gefühl von Freiheit und gleichzeitig dem Bewußtsein, wie klein man doch in dieser Welt ist. Man kann es nur schwer beschreiben!

Für mich ein wirklich emotionaler Moment, beinahe bricht es aus mir heraus. Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe, trotz aller Widrigkeiten - habe mich nicht vom Weg abbringen lassen und schließlich aus eigener Kraft mein Ziel erreicht. Viele Jahre Erfahrung zahlen sich jetzt aus, selbst in dieser menschenfeindlichen Umgebung.
Fast 40 Jahre nach meiner Freeride-Initiation stehe ich wieder auf dem Gipfel des Hesellifts. 25hm unter mir winken mir meine beiden 4jährigen Buddys und meine Frau mit Schlitten und Popo-Rutscher zu.
Es ist wirklich unglaublich, was der menschliche Wille bewegen kann. Selbst auf der Schwäbischen Alb.

Ruprecht
09.01.2021, 17:28
haha schön, ich hab bis zum schluss gezweifelt was jetzt ernstgemeint u was ironie war!

subtleplague
09.01.2021, 18:20
sick! 8 sterne!

edit: ohne Bilder des Abenteuers oder der heissen Frau ist der TR WERTLOS!

georider
09.01.2021, 18:27
[emoji1]

Ich konnte es erst im dritten Anlauf fertig lesen. Die ersten beiden Versuche kamen maximal bis "lasergemessen", dann musste das wtf?! einfach raus.

bergjunge
09.01.2021, 19:32
Kriegst ein like!!111!

Zorro
09.01.2021, 19:59
wo kann ich ein abo kaufen?

Kartoffelstampfer
09.01.2021, 20:26
N1!
Gibts eine App mit pushmitteilungen wenn es neue TRs zum Download und Offlinelesen in den Winterräumen der schwäbischen Alp?

Brecher
09.01.2021, 22:15
Immer diese unzuverlässigen Buddies!!!

infectious
10.01.2021, 17:35
Danke! :D

Eine App und ein Abo gibts nicht, aber Winterräume auf der Schwäbischen Alb. Ich habe dort sogar mal einen Lawinenkurs zur Auffrischung gemacht. In Ermangelung von Schnee mussten wir auf das Sondieren leider verzichten. Aber man muss sich einfach zu helfen wissen: 5 Schuhkartons auf dem Acker verteilt - in einem das angeschaltete LVS und los gings zur Grobsuche!

obi wan kenobi
10.01.2021, 19:35
HaHa - sehr gut geschrieben! Was für ein Abenteuer. Ich habe regelrecht mitgefiebert :D

Corny2k2
11.01.2021, 07:43
top!

ich konnte mich sehr gut einfühlen. Nur die Einsamkeit lässt in unseren Breiten zu wünschen übrig :D