Report - Das Raxprinzip

Die erste und wohl auch einzige Reportage über die Report

Ein neues Skikonzept auf der Suche nach einer Nische. Was steckt dahinter?

Autor: Lea Hartl Date: 24. Mai 2009
Seit "Tom from Austria" das erste mal in der Community von freeskiers.net auftauchte und mit den "Raxski" sein eigenes, neues Skikonzept vorstellte, reissen die Diskussionen darüber nicht ab. Während die Einen neugierig sind, wird die Idee von anderen nur belächelt oder sogar wehement abgelehnt. Doch was steckt dahinter? Und wie funktioniert es in der Praxis? Fortunately there are some real things
in this confusing world:
rocks, tree roots, snow slides
and armored skis that bring you down
to the valley with all its flowers

"Tom from Austria" am 11.05.2009 in einem Forum von TGR

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Wir verspäten uns. Der Bus zwei Autos weiter vorn quält sich um die engen Kurven, überholen unmöglich. Ich rufe Tom an, um ihm Bescheid zu sagen. Kein Problem, sie fahren schon mal eine Runde, freuen sich, dass wir kommen; bis gleich.

Wer ist "Tom from Austria"? Wo war er, bevor er im Internet auftauchte und die Communities von freeskiers.net und TGR, carving-ski.de, natives.co.uk und anderen aufmischte? Meint er das alles eigentlich ernst? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, treffen wir uns mit Tom und seinem Geschäftspartner Dusan in der Axamer Lizum zum Raxtest.

Im Winter 2006 haben Tom und Kollegen aus einer Laune heraus begonnen, metallene Finnen an Skienden zu montieren, um die Spur- und Kantentreue vor allem von Kurzski zu verbessern. Der Rax Ski war geboren. Seitdem haben sie mit verschiedensten Längen und Shapes experimentiert und das Prinzip der Finnen immer weiter entwickelt. Seit Herbst 2008 werden in vier Fabriken (Lusti, Hack, Choc, Sporten) aus unterschliedlichen Formen Skibasen für Rax gebaut, der Aufbau für die Finnen wird später hinzugefügt. Einige Raxski sind gespritzt, die meisten werden in Holzkern/Sandwich Bauweise produziert.

Auch die Herstellung der Finnen geschieht auf handwerklich hohem Niveau. In Zukunft werden alle Raxmodelle mit ganzmetall Aufbauten aus Aluguss oder lasergeschnittenem Stahl ausgestattet. Eloxiertes Alu ist nämlich hart genug für das Befahren von Schnee, Eis und Holz; zum Carven über Fels und Steine sollte es aber doch Stahl sein.

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"Der neue Ski und die neue Skitechnik verwenden eine Nische in der Physik des Skifahrens, die unentdeckt blieb, weil sie für die etablierten Skitrends nutzlos war."
www.raxski.com

Unsere ersten Versuche auf der Piste gestalten sich wie erwartet eher wackelig, die kurzen Ski flattern stark. Nach entsprechenden Anweisungen der Experten und mit etwas Übung geht es bald besser, das Flattern wird durch Rücklage und Einsatz der Finnen abgestellt und wir trauen uns, ein bisschen Gas zu geben.

Besonders Dusan macht auf der harten Piste eine erstaunlich gute Figur, er scheint seine 90cm Latten auch ohne all zu viel Rücklage irgendwie kontrollieren zu können und steht tatsächlich sauber auf der Kante. Tom dagegen ist offenbar der Mann fürs Gelände und scheucht uns gleich in den sulzigen Schnee neben der Piste. Hier lautet die Devise "nach hinten lehnen und laufen lassen". Trotz beherzter Straightline Aktionen bleiben wir hoffnungslos stecken, es ist einfach zu flach.

Das Problem ist schnell behoben, wir wechseln zu einem steileren Hang und so langsam beginnen wir zu verstehen, was Tom meint, wenn er sagt, dass mit Raxski auch blutigste Anfänger in schwierigem Gelände fahren können. Die Finnen stabilisieren nicht nur, sie bremsen vor allem. Bewegungstechnisch ist nicht mehr gefordert, als sich ein wenig nach hinten zu lehnen. Falls man einem Hindernis begegnet, kann mit mehr Druck auf die Finnen sofort gestoppt werden, Fortgeschrittene können durch dezenten Belastungswechsel und mehr oder weniger wildes Herumschwenken des Oberkörpers auch effizient steuern.

Dusan erzählt von einem Paar, dessen Beziehung dank Raxski harmonischer verläuft. Die Frau sei früher immer genervt gewesen, weil der Mann ihr davon fuhr. Sie fühlte sich überfordert und vernachlässigt, er war von der Warterei gelangweilt. Seit sie Rax besitzt, ist sie selbstbewusster, befährt steiles Gelände teils schneller als der Gatte und anscheinend mit großer Begeisterung. Kernaussage: Mit Raxski lernt sogar jemand, der noch nie auf Ski gestanden ist, noch am ersten Tag in Gelände zu fahren, welches viele Normalskifahrer ihr Leben lang nicht beherrschen.

Das ist so sicher nicht falsch und das Ziel, Anfängern auf diesem Weg den Einstieg in den Skisport zu erleichtern auch keineswegs ein verwerfliches. Nur: Skifahren lernt man so nicht, sondern eben "Raxen". Besonders im Tiefschnee ist der Bewegungsablauf so anders, dass jemand, der später auf normale Ski umsteigen will, sich mit allzu viel Geraxe im Vorfeld üblicherweise keinen Gefallen tun wird.

Wer diesen Anspruch nicht hat, nur zu! Spaß macht es auf jeden Fall, schnell gelernt ist es auch und gerade im Offpistebereich sind die Raxski ihren ärmlichen Verwandten, den Snowblades, an Stabilität deutlich überlegen.

Tom und Co richten sich mit ihrem Konzept allerdings keineswegs nur an Anfänger, sondern auch an eine Experten Zielgruppe, die sich in extremem Gelände bewegt. Die Argumentation ist hier im Prinzip die gleiche: Mit Raxski geht alles einfacher. Man muss in engen, steilen Rinnen nicht umspringen, kann auf den Finnen schnell und sicher drehen, verliert nie den Bodenkontakt. Bruchharsch ist genauso wenig ein Problem, wie tiefer Sulz oder Eis, die Raxski zerschneiden alles. Tom drückt es so aus: "Je schlechter der Schnee, desto besser."

In Zukunft will Tom mit seiner Kollektion vielseitiger werden und längere Modelle herstellen. Ein breiterer Rax in 128cm für die tiefen Tage ist bereits in Produktion, auch mit negativer Vorspannung soll experimentiert werden, es soll Telerax geben und Monorax, die Möglichkeiten sind wahrlich unbegrenzt.

Am Ende des Tages lässt uns Tom drei verschiedene Raxmodelle da und alle Tester sind sich einig: bei so mäßigen Bedingungen hatten wir schon lange nicht mehr so viel Spaß.

Für mich persönlich ist Rax keine Alternative zu meinen gewohnt-bewährten 190cm Ski, die ich zum Freeriden verwende. Nicht weil Rax nicht funktionieren würde, sondern weil es ein anderes Fahrgefühl, um nicht zu sagen eine andere Sportart ist. Für Snowblader oder Figler, die ihren Horizont erweitern wollen und Skifahrer oder Snowboarder, die ab und zu etwas Abwechslung schätzen, sind Raxski wunderbar.

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Was die erstaunliche Person "Tom from Austria" angeht, lässt sich das Wesentliche in folgenden Zitaten zweier Leser von freeskiers.net zusammenfassen

Zorro: "Tom, miete dir von deiner Rente doch ein kleines Schreberhäuschen mit dazugehörigem kleinen Gatengrundstück in einer Kleingartensiedlung wie viele deiner Altergenossen auch. Das ist erstens angenehmer für Körper und Geist und zweitens machen sich dann weniger Leute über dich lustig."

Joe: "Niemand der den Tom from Austria kennt würde sich über ihn lustig machen."

In der weitgehend humorbefreiten Skiszene sind Exzentriker wie Tom eine Wohltat. Die Welt wäre sicher eine interessantere, wenn es weniger Rentner in Schrebergärten gäbe und dafür mehr gediegene Herren wie Tom, die auf selbst gepimpten Ski das Derby de la Meije mitfahren oder noch im Sommer die letzten Schneereste ihrer Hausberge befahren, mit Finnen oder ohne.

Fotos: Lea Hartl

Additional Information
www.raxski.com Diskussion über Raxski in der Community
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