Im Portrait: Jamie Laidlaw

im Portrait

Autor: Julia Schwarzmayr Datum: 2017-01-31
Jamie Wer? In Europa kennt ihn kaum jemand, nur den wenigsten ist der Name geläufig. Dass das so ist, kann nur an Jamies Bescheidenheit und Zurückhaltung liegen, wenn es um seine skifahrerischen Skills und Erfolge geht. Da gibt's nämlich so einige... Wir haben uns mit dem sympathischen US-Amerikaner zum Interview getroffen.
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  • Im Westen Nepals
  • Japan - Foto: Sweetgrass Productions
  • www.payettepowderguides.com
  • Japan - Foto: Sweetgrass Productions
  • in den Sonnenuntergang... - Foto: Sweetgrass Productions
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    "Ich hätte niemals geglaubt, dass ich einmal vom Skifahren leben können werde. Das erreicht zu haben, und das tun zu können, was ich liebe, lässt für mich einen Traum wirklich werden!" Jamie Laidlaw übertreibt nicht gerne, vor allem nicht, wenn es um ihn selbst geht. Er ist ein Multitalent: Profifreerider und –skibergsteiger, Produktentwickler für Dynafit und Heliguide und hält Lawinen-Sicherheitskurse in Idaho ab, wo er mit seiner Frau Megan lebt. Damit ihm nicht allzu langweilig dabei wird, hat er außerdem als Landschaftsgärtner gearbeitet, entwirft und baut Möbel und arbeitet zusätzlich als Fotograf.

    Seine Skikarriere startete wenig außergewöhnlich, nämlich im Rennlauf. „Als ich älter wurde hab ich langsam realisiert, dass ich niemals einer der Top-Skirennläufer sein werde. Diese Erkenntnis hat mich ziemlich getroffen, als ich mit 20 aufgehört habe, Skirennen zu fahren bin ich in eine wirkliche Identitätskrise geschlittert. Erst da habe ich verstanden, dass Skifahren zwar das ist, was ich wirklich liebe, es mich als Person aber nicht definiert." Damals zu Collegezeiten hat er dann mit zwei Freunden angefangen, Backcountryterrain zu entdecken. Mehr zufällig entwickelten sie sich von Freeridern zu Skibergsteigern: „Wir haben einfach das getan, was uns Spaß gemacht hat, wir haben das nicht als irgendwie außergewöhnlich gesehen. Erst als nach einiger Zeit anderen Bergsteigern beinahe der Mund offen stehen blieb, wenn wir von unseren Ausflügen erzählt haben, dämmerte uns, dass wir eventuell schon recht gut darin waren. Meine Buddies und ich waren ein gutes Team – wir haben uns ergänzt. Ich selbst bringe einfach die richtige Kombination an Fähigkeiten zum Skibergsteigen mit, glaube ich. Ich denke auch in Stresssituationen sehr analytisch. Neben den sportlichen Fähigkeiten ist das vielleicht etwas vom Wichtigsten."

    Soweit man das als Außenstehender beurteilen kann, dürfte da schon was dran sein. Jamie wirkt nicht wie jemand, der sich um Erfolg und Anerkennung reisst, auch wenn sein sportlicher Lebenslauf durchaus beeindrucken kann: Mehrere Erstbefahrungen in Alaska und Peru, wo er komplett alleine unterwegs war, weil sein Partner krank wurde, gehen auf sein Konto. Zwei Mal nahm er die Skiabfahrt vom Gipfel des Lhothse in Angriff: „Das ist eine meiner liebsten Ski-Erinnerungen, obwohl wir es nicht ganz geschafft haben. Wegen eines Defekts mit der Sauerstoffversorgung musste ich 150 Höhenmeter vor dem Gipfel umkehren. Ich wusste genau, dass der Gipfel innerhalb meiner Möglichkeiten lag, und dass ich auch die Skiabfahrt schaffen würde, aber es war mir auch bewusst, dass es ein sehr großes Risiko bedeuten würde, weiter zu gehen. Zusätzlich hatte ich vorher schon ein Lungenödem gehabt. Ich bin stolz, dass ich einem der größten Ziele meines Lebens so nah war, und trotzdem die rationale und sichere Entscheidung treffen konnte, von dort abzufahren, wo ich mich befand. Dieses eine Ziel zu erreichen war es nicht wert, mein Leben zu riskieren. Trotzdem war das eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe."

    Eine andere Fähigkeit, die fürs Skibergsteigen nicht ganz unerheblich sein dürfte, ist Leidensfähigkeit – oder um es in Megs Worten zu sagen: „Jamie kann eindeutig mehr aushalten als die meisten Menschen!" (Wörtlich war das: "This one can suffer more than most!") Manchmal vielleicht ein bisschen zu viel: „Ich erinnere mich an den ersten Trip ins Backcountry von Alaska zusammen mit meinen College-Kumpels. Ich war für die Verpflegung zuständig. Meiner Ansicht nach hab ich das recht ordentlich geplant: zum Frühstück Müsli, als Mittagessen einen Energieriegel und am Abend für jeden Dosensuppe. Als wir dann wieder zurück in der Zivilisation ankamen war ich vollkommen überrascht, dass sie mir mitgeteilt haben, ich wäre NIEMALS MEHR WIEDER fürs Essen zuständig. Anscheinend haben die anderen meine Menüwahl nicht ganz so super gefunden." Er lacht.

    Aber nicht alles war immer Sonnenschein für Jamie in den Bergen. „Es gab auch schwierige Zeiten. Ich habe Menschen in Lawinen umkommen sehen, ich habe Menschen, die mir etwas bedeuten in den Bergen verloren. Als wir in den Westen Nepals gekommen sind, um dort Ski zu fahren, haben uns die Behörden gebeten, anschließend zu berichten, was dort oben zu finden sei, wie die Menschen dort lebten – sie hatten nämlich selber keine Ahnung davon. Die Bewohner waren so unglaublich arm, dass wir uns kaum getraut haben, Essen von ihnen zu kaufen. Wir waren eine Gruppe von 15 bis 20 Personen – wenn wir ein Dorf verließen, gab es dort nichts mehr. Wir haben uns wie die größten A.....löcher gefühlt."

    Das sind alles Gründe dafür, warum Jamie mit aktuellen Ski- und Snowboardfilmen nicht allzu viel anfangen kann. Er sieht sich nicht einmal die an, in denen er selbst mitgewirkt hat. „Ich hab zum Beispiel Valhalla genau ein einziges Mal gesehen, und das nur, weil ich mehr oder weniger dazu gezwungen wurde. Ich hab ein paar verrückte Typen kennen gelernt, die hatten sich im Wald neben dem Bach ein eigenes „Valhalla-Basecamp" gebaut – als die gehört haben, dass ich im Film zu sehen bin, wollten sie ihn unbedingt gemeinsam mit mir ansehen. (Und falls sich Leser das fragen sollten: nein, er ist nicht im Naked-Skiing-Segment zu sehen.) „Ich mag es nicht, dass die meisten Skifilme so tun, als ob irgendjemand da alleine im Backcountry unterwegs ist und seine Lines fährt. Das entspricht einfach nicht der Realität! Filmcrews bestehen aus jeder Menge Leute, da sind Guides, die vorher die Verhältnisse checken, Helis, Filmer, und so weiter. Die wenigsten Filme sind in diesem Punkt ehrlich, und die Zuseher machen sich meistens auch keine weiteren Gedanken darüber." Wenig überraschend stehen bei Jamie keine aktuellen Filmprojekte an. „Zugegebenermaßen: ich bin nicht mehr der riesige Big-Mountain-Skier, das überlasse ich lieber Hoji. Seit ich mir außerdem bei einem Filmprojekt den Rücken gebrochen habe, lasse ich mich auch nicht mehr von anderen Leuten über meine Limits hinaus pushen. Das passiert aber fast automatisch, wenn man mit einer großen Crew einen Film dreht."

    In den letzten Jahren hat sich Jamie vom reinen Teamfahrer zum Produktentwickler verändert: „Ich hatte echt Glück, dass ich die Chance bekommen habe, diese Richtung einzuschlagen. Ich habe als Teamfahrer für Dynafit begonnen und wurde nach und nach in den Ski-Entwicklungsprozess eingebunden. Damals war es undenkbar für mich, dass ich für die komplette Skilinie einer Marke zuständig sein könnte – ist jetzt aber so. Deshalb kann ich immer noch im Skibereich arbeiten, obwohl meine „glorreichen Sportlerzeiten" hinter mir liegen. Für mich ist Skifahren mittlerweile auch ein bisschen die Ausrede dafür, um die Welt reisen zu können. Und es gibt noch viele Orte, die ich sehen will – meine Bucketlist ist echt noch ziemlich lang!" Trotz der vielen Gegenden und Orte, die noch auf Skiern erkundet werden wollen, gibt es ein Land, das es ihm besonders angetan hat: „Wenn es um die reine, pure Freude am Skifahren geht – Japan! Für immer und ewig, ich werde immer wieder nach Japan zum Skifahren kommen wollen."

    Vermutlich aus reiner Bescheidenheit erzählt Jamie nicht, dass der Hokkaido aus der Dynafit-Skilinie genau aus dieser Begeisterung heraus entstanden ist. Und dass in der Sweetgrass-Produktion „Signatures", die eine Hommage an den unglaublichen Powder in Japan ist, jede Menge Skiaction von ihm zu sehen ist (wenn man aufgrund der Schneeverhältnisse überhaupt etwas von ihm sehen kann)... Was irgendwie auch dazu passt: "Ich hab tausende Fotos von meinen Partnern, die ich auf unseren Reisen gemacht habe, aber kaum welche von mir selbst. Ich hoffe, die paar reichen?"

    Steckbrief
    Name: Jamie Laidlaw
    Alter: 36
    Homespot: The Little Ski Hill, McCall Idaho (150 irre Höhenmeter!)
    Lieblingsgebiet: Idaho Backcountry & Japan
    Sponsor: Dynafit
    Website: www.laidlawdesignco.com
    Instagram: www.instagram.com/laidlawphoto

    Quellen:
    freeskiers.net-Interview mit Jamie Laidlaw
    www.payettepowderguides.com

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    Lillrisch
    Ich dachte der kann nur kochen 😱


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     31. Januar 2017 - 21:37 
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