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Interview

Xavier de le Rue über seinen Lawinenunfall

Der Profil-Snowboarder berichtet über seinen Lawinenunfall

geschrieben am: 19. Dezember 2008
geschrieben von: Heiko Joos
 
Interview - Xavier de la Rue über seinen Lawinenunfall
Jedes Jahr hören wir in den Nachrichten von zahlreichen Lawinenunfällen. Die meisten Freerider beschäftigen sich jedoch ungern mit dem Thema, sondern leben oftmals nach dem Motto: "Mich wird es schon nicht treffen".

Xavier de le Rue, Profi-Snowboarder und durch zahlreiche Freeride-Movies bekannt, musste die Naturgewalten am eigenen Leib erfahren. Die Firma ABS, Hersteller der bekannten Lawinenairbags, hat uns dieses Interview zur Verfügung gestellt. Es zeigt, dass man jederzeit mit einem Unfall rechnen muss und dass entsprechende Vorkehrungen  für den Ernstfall überlebensnotwendig sind!

Der Hang nach dem LawinenabgangFrage: Hallo Xavier, schön, dass Du hier bist...

Xavier: ... ja, vielen Dank! Ich sollte wohl eher sagen: Es ist ein großes Wunder, dass ich heute überhaupt hier bin. Wirklich, diese Lawine zu überleben ist unglaublich. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich nur durch Glück überlebt habe. Teil dieses Glücks war, den Lawinenairbag zu tragen. Ich denke, es gibt keine bessere Dokumentation für die Funktion des Rucksacks als meinen Unfall und die Bilder und Videos, die dabei entstanden sind. In Zukunft möchte ich etwas zurückgeben und möglichst vielen Menschen von diesem Schlüsselerlebnis berichten.

Frage: Was genau ist Dir passiert?

Xavier: Ich war mit meinem Kumpel, dem Profi-Freeskier Henrik Windstedt bei einem Fotoshooting mit Christopher Sjorström und Miriam Lang Willar und einem Bergführer für zwei Tage in der Gegend von Orcières nahe meiner Heimat im Grenzgebiet zwischen Frankreich und der Schweiz unterwegs. Wir hatten einen Helikopter, der uns schnell wieder nach oben bringen konnte und um Aufnahmen aus der Luft machen zu können. Nach vier kleineren Abfahrten, ließ ich mich auf einem ungefähr 2.500 Meter hohen Gipfel absetzen, um einen spektakulären Nordhang zu befahren. Die Schneebedingungen waren sehr gut und nach zwei Tagen in den Gebiet fühlten wir uns sicher. Wir hatten den Nordhang bereits vorher befahren, an einer Stelle, die sehr Schneebeladen aussah. Nachdem sich der Schnee sich bei der Abfahrt als stabil erwies entschied ich mich den Hang an der Stelle zu befahren, an der sich dann das Schneebrett löste. Ein befreundeter Bergführer war einige Tage zuvor an einer anderen Stelle auch von einer Lawine erfasst. Von daher war das Schneebrett das ich lostrat für mich nicht komplett überraschend aber eine Lawine mit diesen Ausmaßen kam total unerwartet.

Frage: Mal kritisch gefragt: Wie kann das erfahrenen Profis wie Euch passieren?

Xavier: Die Gefahr am Berg ist immer da. Selbst in besten Bedingungen kann man eine falsche Stelle bei der Abfahrt erwischen und eine Lawine auslösen. Das muss man sich immer bewusst machen. Deshalb schaue ich mir die Linie, die ich fahren möchte genau an und checke wohin ich flüchten könnte, wenn der Hang abgeht oder wenn zuviel Schnee ins Rutschen gerät. Das habe ich an diesem Tag nicht gut genug gemacht. Man darf nie Regeln vergessen, vor allem wenn man an seine Limits gehen will. Mir hat diese Situation gezeigt, dass man trotz aller Vorsicht und Erfahrung nie 100% sicher sein kann und deshalb alle Vorkehrungen treffen muss. Lawinenpieps und Airbagrucksack gehören auch deshalb für mich immer mit dazu.

Frage: Kannst Du die Situation genauer beschreiben?

Xavier: Ich bekam um ungefähr 14 Uhr das Zeichen meiner Crew für den Start meiner Abfahrt. Alles wurde vom Helikopter aus aufgenommen. Das Timing und die Lichtverhältnisse sind bei einem solchen Shooting extrem wichtig und ich hatte deshalb nicht viel Zeit. Im oberen Teil löste sich zwischen den Felsen ein kleiner "Slab", der mich nicht wirklich beunruhigt hat. Ich sage in solchen Situationen häufig, dass Geschwindigkeit dein bester Freund ist. Diesmal hat auch das nicht geholfen. Ich beschleunigte bis ich richtig viel Speed drauf hatte und zunächst sah es so aus als könnte ich dem weiße Monster in meinem Rücken davonfahren und am Ende über das ganze Lachen. Dann bemerkte ich diese Risse überall unter mir. Der gesamte Hang zog sich in Sekundenbruchteilen zusammen und ich hatte selbst bei vollem Tempo keine Chance wegzukommen. Wenn ich jetzt zurückblicke, habe ich mir einfach nicht genug Zeit genommen, meine Linie zu checken und gute Fluchtwege zu überlegen. Deshalb bin ich doppelt dankbar, dass alles gut ausgegangen ist.

Frage: Und dann? Wie hast Du überlebt?

Xavier: Als ich merkte, dass der Berg mich unwiderstehlich nach unten zieht und ich keine Chance habe, habe ich den den Auslösegriff des Rucksacks gezogen. Danach fühlte ich noch, wie ich mich einige Male überschlage. Irgendwie kam mir alles wie im Zeitraffer vor. Danach habe ich nur noch einige wenige Erinnerungen, wie mich meine Freunde ungefähr zwei Kilometer weiter unten gefunden haben. Richtig erinnern kann ich mich erst wieder an das Krankenhaus.

Frage: ...wow, zwei Kilometer! Wie haben Dich die anderen gefunden?

Xavier: Ich hatte sehr viel Glück. Durch die Airbags war ich nicht von den Schneemassen verschüttet. Ich lag auf ungefähr sechs Metern fest komprimierten Lawinenschnee. Unter diesen Massen wäre ich einfach zerquetscht worden. Obwohl ich oben lag, waren mein Mund und Nase mit Schnee verstopft. Ich war bewusstlos und mein Helm schnürte mir den Hals zu, so dass ich nicht atmen konnte. Es dauerte zehn Minuten bis Henrik zu mir heruntergefahren war. Er entdeckte die roten Airbags im Schnee, denn eigentlich vermuteten sie mich viel weiter oben im Hang und wollten dort suchen. Niemand glaubte aber wirklich, dass ich überlebt haben könnte.

Frage: Das hört sich dramatisch an. Was hast Du gelernt und welche Tipps gibst Du anderen Fahrern, die ins freie Gelände gehen?

Xavier: Macht einen Schritt nach dem anderen und stellt euch immer das schlimmste Szenario vor, wenn Ihr Entscheidungen trefft. Vor allem: Verlasst Euch nicht auf Equipment. Wir haben die Diskussionen, dass Leute immer unvorsichtiger ins Gelände fahren. Das ist auf jeden Fall der falsche Weg. Die gleiche Diskussion hatten wir vor Jahren schon mit dem LVS. Für mich sind sowohl der Airbag als auch das LVS selbstverständliche Ausrüstungsgegenstände geworden, die ich immer trage. Ich gehe deshalb bei meinen Entscheidungen am Berg nicht mehr Risiko ein aber wenn etwas schief geht, helfen sie mir. Auch deshalb ist der ABS Airbag mittlerweile bei professionellen Freeridern weit verbreitet. Mittlerweile fühle ich mich sogar schlecht, wenn ich den Airbag-Rucksack nicht dabei habe - genauso, als wenn ich das LVS vergessen würde. Allerdings sind beide Dinge ganz unterschiedlich. Der Lawinenairbag ist sehr einfach zu benutzen und kann die Verschüttung verhindern, das ist wirklich das Wichtigste. Für das LVS braucht man Übung und Erfahrung und kann damit schneller gefunden werden, wenn man verschüttet ist.


Video des Unfalls:





ADDITIONALINFORMATION  
www.abs-airbag.com
Fotos: ABS
Video: Rossignol
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