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Ane: Die größte Veränderung ist die, dass ich den Sport nun wirklich als professionellen Vollzeit-Job ausüben kann. Und das ist ein riesiger Schritt für mich. Davor musste ich mich neben dem Studium mit Hilfe von Gelegenheitsjobs darum kümmern, meinen Lebensunterhalt und zusätzlich genug Geld für den Besuch der unterschiedlichen Contests zu verdienen.
Jetzt habe ich quasi den Luxus, mein Leben ein wenig einfacher planen zu können. Außerdem gibt mir das Team, das nun hinter mir steht auch eine gewisse Sicherheit. Und aufgrund der längerfristigen Partnerschaften mit den Sponsoren muss ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich es mir nun leisten kann, noch eine Saison weiterzumachen, oder ob ich mich doch stärker auf mein Studium fokussieren sollte.
Eine wichtige Aufgabe, um die ich mich nun kümmern muss ist es, diese Kooperationen aufrecht zu erhalten und meinen Sponsoren einen größtmöglichen Gegenwert zu bieten. Deshalb mache ich mich nun auch seit einiger Zeit daran, mich mehr und mehr mit dem Thema Videoproduktionen auseinanderzusetzen. Zudem gibt es mittlerweile auch einige völlig neue Aufgabenbereiche für mich, die im Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Medien hinzugekommen sind.
Ganz nebenbei erhalte ich nun durch das was ich erreicht habe, die Möglichkeit, auch etwas zurückzugeben. Deshalb befasse ich mich auch gerade mit der Planung meines neuen Projektes, der Veranstaltung von Girls-Camps in Norwegen. Auch dort wächst der Sport sehr schnell und ich würde gerne mehr norwegische Fahrer und vor allem Fahrerinnen in der europäischen Freeride-Szene und den FWT Qualification Events sehen.
freeskiers.net: Hast du dir nach dem FWT-Tour-Stop in Chamonix im letzten Jahr einen neuen Wecker gekauft?
Ane: Nein (lacht)! Das habe ich nicht. Mir wurde gesagt, dass ich anscheinend besser und vor allem schneller fahre, wenn ich ein wenig in Eile bin.
freeskiers.net: Kannst du vielleicht den Lesern, die die Geschichte dahinter noch nicht kennen, erzählen was sich an diesem Morgen zugetragen hat und was am Ende dabei herauskam?
Ane: Nun ja. Ich denke, dass ich es wohl irgendwie geschafft haben muss, meinen Wecker am Abend vor dem Wettbewerb auszuschalten. Denn an diesem Morgen bin ich genau zu der Zeit aufgewacht, zu der ich bereits am Start hätte sein sollen.
Zu allem Überfluss hatte ich am Vorabend auch darauf verzichtet, mir eine Line auszusuchen, da ich bereits den ganzen Tag in der Kälte verbracht hatte und das Ganze deshalb auf den Morgen vor dem Start verschieben wollte.
Als ich dann also endlich aufgewacht bin, war ich natürlich in einer wahnsinnigen Eile und zudem unglaublich sauer auf mich selbst, als ich zum Bus rannte. Denn ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde.
Am Eventgelände angekommen musste ich zuerst in den Zielbereich, um mir von dort einen Überblick über den Wettkampfhang zu verschaffen und die passende Line zu finden. Das stellte sich dann allerdings als unlösbare Aufgabe heraus, da mich im Prinzip jeder anbrüllte, ich solle doch schleunigst zusehen, dass ich mich zum Start bewege. Letzten Endes musste ich mich dann also vor den Anderen hinter einem Felsen verstecken, um ungestört eine Line finden zu können.
Nachdem ich sie dann schließlich gefunden hatte, rannte ich also regelrecht in meiner Daunenjacke innerhalb einer halben Stunde den Hang hinauf. Wohlgemerkt hatte ich zu diesem Zeitpunkt weder gefrühstückt noch irgendetwas getrunken. Doch da ich so wahnsinnig sauer war, schaffte ich es auch ohne Stärkung überraschend schnell bergauf zum Gipfel.
Im Anschluss an den Aufstieg pumpte mein Herz wie wild. Zu allem Überfluss war das einzige Getränk, das sie mir dort oben anbieten konnten ein Energy Drink. Die Tatsache, damit anfangen zu müssen machte mich dann doch ein wenig nervös und brachte mich dazu, mich zunächst mit Hilfe von ein paar Yoga-Übungen zu beruhigen.
Letzten Endes habe ich es wohl geschafft, all diese Wut und den Stress in meinen Run zu packen und ihn dadurch zum besten Wettkampf-Lauf zu machen, den ich in meinem Leben je gefahren bin. So konnte ich den Tour-Stop in Chamonix gewinnen. Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach zu all meinen Contests zu spät kommen (lacht).
freeskiers.net: Die Art wie du auf die Situation reagiert hast, lässt vermuten, dass du dich nicht so leicht einschüchtern lässt. Verspürst du manchmal Furcht, wenn du auf dem Gipfel stehst?
Ane: Natürlich, klar. Es gibt definitiv Lines, die mich einschüchtern können. Deshalb vermeide ich es auch, solche Lines bei Wettbewerben auszusuchen. Denn bei denjenigen, die ich mir aussuche, bin ich mir absolut sicher, dass ich dazu in der Lage bin, sie so zu fahren, wie ich das möchte.
Wovor ich allerdings weitaus größere Angst habe, ist es, die Orientierung innerhalb einer Line zu verlieren. Denn wenn man in diesem Moment nicht mehr weiß, wo man sich genau befindet und wo man hin wollte, kann man sich sehr, sehr schnell eine Menge Ärger einbrocken.
Doch aufgrund der Tatsache, dass ich inmitten der Berge lebe und auch jeden Monat in ziemlich steilem Gelände unterwegs bin, kann ich mittlerweile sehr gut einschätzen, was ich mir zutrauen kann und was ich vorerst besser noch nicht angehen sollte.
freeskiers.net: Da du als aktuelle Gewinnerin der Freeride World Tour einen recht guten Einblick in die Materie hast: Was ist deiner Meinung nach die Besonderheit an der FWT in ihrer aktuellen Form?
Ane: Gerade die Organisation der Tour läuft heute sehr professionell von Statten. Die Veranstalter wissen genau, was zu tun ist und wie man die Fahrer einbinden muss, damit die Tour ein Erfolg wird.
Ich finde es großartig ein Teil von etwas zu sein, das auch in Zukunft noch Bestand haben wird. Auch auf die Tatsache, dass ins Pro Freeriders Board gewählt wurde, erfüllt mich mit stolz. Denn auf diese Weise kann ich mich und meine Meinung noch viel besser mit einbringen.
Ein sehr wichtiger Punkt ist auch das wirklich faire Qualifikations-System, das wir mittlerweile an den Start gebracht haben und durch welches jedem Anwärter deutlich wird, dass es tatsächlich eine reelle Chance gibt, auch ohne ein riesiges Budget teilzunehmen. Die FWT Qualification Events finden an vielen unterschiedlichen Orten statt, so dass die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, dass zumindest einer davon in der näheren Umgebung eines jeden Fahrers abgehalten wird.
Außerdem tut es gut mit anzusehen, dass wir dadurch einer Menge jüngeren Fahrern die Chance geben, sich auch ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Diese können sich dadurch auch weiterhin ihre Leidenschaft finanzieren und den Level im Freeriding pushen.
freeskiers.net: Gibt es irgendetwas anderes neben dem Skifahren, von dem du dir vorstellen könntest, deinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten?
Ane: Oh ja, da gibt es einige Optionen. Allerdings kann ich leider nicht alles gleichzeitig machen. Deshalb habe ich mich entschieden, mein Studium der Ernährungswissenschaften zu verfolgen, um später in dieser Richtung zu arbeiten. Dabei werde ich auf jeden Fall versuchen, mein Wissen über das Freeriding und andere Sportarten mit einfließen zu lassen. Für den Anfang werde ich deshalb auch bei den bereits erwähnten Girls-Camps versuchen, diese beiden Welten miteinander zu verbinden.
Momentan liegt mein Fokus jedoch darauf, meine Karriere als professionelle Skifahrerin für mindestens drei Jahre weiter zu verfolgen und dabei auch nebenbei karitativ tätig zu sein und etwas an den Sport zurückzugeben.
Wo ich danach landen genau werde, bleibt wohl zunächst noch offen – vielleicht werde ich ja eine surfende Ernährungswissenschaftlerin, wer weiß? Das wäre doch eine nette Kombination (lacht).